Bundesverkehrsminister Volker Wissing im Gespräch über die Herausforderungen der Antriebs- und Mobilitätswende für Unternehmen.
Die Antriebs- und Mobilitätswende birgt auch und gerade für Unternehmen zahlreiche Herausforderungen. Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) erläutert im Gespräch mit bfp FUHRPARK & MANAGEMENT, welche Förderprogramme des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr (BMDV) Unternehmen bei der Transformation zur E-Mobilität unterstützen können und spricht über alternative Mobilitätsangebote im Unternehmenskontext.
Volker Wissing: Um unsere Klimaschutzziele zu erreichen, möchte die Bundesregierung bis 2030 15 Millionen Elektro-Pkw auf Deutschlands Straßen bringen. Die gewerblichen Flotten spielen hier eine wichtige Rolle – mit ihren hohen Laufleistungen haben sie ein hohes CO2-Einsparpotenzial, zudem bedienen die Flotten perspektivisch den sehr gefragten Gebrauchtwagenmarkt. Der Anteil gewerblicher Halter bei Neuzulassungen liegt regelmäßig bei deutlich mehr als 60 Prozent. Unternehmen fragen mehr und mehr rein batterieelektrische Fahrzeuge nach. Sie spielen auch über das betriebliche Mobilitätsmanagement eine wichtige Rolle. Wer im beruflichen Alltag positive Erfahrungen mit neuen Mobilitätsformen macht, wird wahrscheinlich auch sein privates Mobilitätsverhalten ändern. Das zeigt, wie wichtig Unternehmen für die Antriebswende in Deutschland sind.
Wissing: Wir wissen um die Kraftanstrengung, die diese Umstellung für Unternehmen bedeutet. Die Flotten und die betriebsnotwendige Ladeinfrastruktur aufzubauen, ist mit erheblichen Investitionen verbunden. Entsprechend groß ist die Nachfrage nach passenden Förderprogrammen wie dem aktuellen Beschaffungs-Aufruf im Rahmen der Förderrichtlinie Elektromobilität meines Ministeriums. Wichtig ist, bei der Kaufentscheidung die Total Cost of Ownership in den Blick zu nehmen. Hier zeigen E-Flotten teilweise deutliche Kostenvorteile in der Nutzungsphase. Und nicht zu vergessen: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schätzen moderne, nachhaltige Mobilitätsangebote, das wirkt positiv nach innen. Und ein Unternehmen, das klimafreundlich unterwegs ist, profitiert auch in der Außenwirkung.
Wissing: Das BMDV unterstützt die Umstellung von betrieblichen und kommunalen Flotten auf klimaschonende Antriebe mit einem breiten Förderangebot. Wir fördern verkehrsträgerübergreifend und technologieoffen. Mit der Förderrichtlinie Elektromobilität unterstützen wir seit 2015 Kommunen und Unternehmen beim Kauf von Elektrofahrzeugen und der dazugehörigen Ladeinfrastruktur – denn sie sind wichtige Vorreiter und Multiplikatoren in Sachen Elektromobilität. Außerdem fördern wir Elektromobilitätskonzepte und unterstützen die Erforschung und Entwicklung von Fahrzeugen. Ein innovatives Projekt, das wir gefördert haben, ist „Smart eFleets“. Hier wird ein Pool an Elektrofahrzeugen unternehmensübergreifend genutzt, wodurch bis zu 30 Prozent der Kosten eingespart werden konnten. Und in Berlin haben wir die Berliner Verkehrsbetriebe dabei unterstützt, in dem Projekt „E-Metrobus“ 17 E-Gelenkbusse auf die Straße zu bringen.
Wissing: Unser Ziel ist es, gewerbliche Flottenbetreiber zu unterstützen, die sich angesichts der Klimaschutzziele für 2030 in einem kostenintensiven Umstellungsprozess befinden. Dazu zählen Unternehmen wie etwa Handwerks- und Gewerbebetriebe, Pflegedienste, aber auch klassische Flottenanwender wie Logistikunternehmen, Paketdienste, Taxi-Unternehmen, Mietwagen- und Carsharing-Anbieter. Mit der Initiative nutzen wir einen wichtigen Hebel. Denn wie gesagt: Zwei Drittel der Neufahrzeuge werden von Unternehmen zugelassen. Und weil gewerbliche Fahrzeuge in der Regel viel fahren, lassen sich hier beachtliche Mengen an CO2 einsparen. Noch größer ist das Potenzial, wenn bei hohen Fahrleistungen viel Gewicht transportiert wird – wie im Straßengüterverkehr, der mehr als ein Drittel der CO2-Emissionen im Verkehrssektor ausmacht. Daher zielt unser Förderaufruf auch darauf, gewerbliche Schnellladeinfrastrukturen für Lkw aufzubauen.
Wissing: Die Förderrichtlinie Elektromobilität läuft bis Ende 2026. Darüber hinaus haben wir Förderprogramme für die Beschaffung von Bussen und für klimafreundliche Nutzfahrzeuge, also für Batterieelektrik, Brennstoffzellenantrieb und Oberleitung. Unsere Förderangebote sind technologieoffen, wir passen sie den aktuellen technischen und wirtschaftlichen Entwicklungen an. Es geht darum, bedarfsgerechte und passgenaue Förderoptionen anzubieten. Förderung ist an dieser Stelle aber nicht der einzige und auch nicht der zentrale Hebel. Im Kontext von betrieblicher Mobilität geht es auch um Innovationsgeist und den Willen, Neuerungen einzuführen und auszuprobieren. Es ist im Interesse der Unternehmen, aktiv zu werden. Wer in die Technologien von morgen investiert, macht sein Unternehmen zukunftssicher.
Wissing: Im Rahmen der Förderrichtlinie Elektromobilität fördern wir Kommunen und Unternehmen beim Erstellen von Elektromobilitätskonzepten – hier geht es neben dem Thema Elektrifizierung auch darum, die betriebliche Mobilität ganz allgemein nachhaltig zu gestalten. Spannend ist hier vor allem der ländliche Raum: Wie kommen die Fachkräfte zum Arbeitsort, wenn der ÖPNV nicht so gut ausgebaut ist? Ich sehe hier ein großes Interesse von Unternehmen, neben Jobticket und Jobrad weitere Mobilitätsangebote zu schaffen.
Wissing: Das Deutschlandticket ermöglicht eine einfache, komfortable und klimafreundliche Mobilität im ganzen Land. Für 49 Euro im Monat kann man ganz bequem in Bus oder Bahn steigen. Egal, wo in der Republik man gerade unterwegs ist – ob zu Hause, im Urlaub oder auf Geschäftsreise. Deswegen profitieren vom Deutschlandticket auch alle, sowohl in der Stadt als auch auf dem Land. Das ist ein Riesenfortschritt: Denn jeder Weg, der mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt wird, bringt uns unseren Klimaschutzzielen näher.
Wissing: Aktuell haben wir in Deutschland rund 90.000 öffentlich zugängliche Ladepunkte. Seit Dezember 2021 ist diese Zahl um mehr als 50 Prozent gewachsen. Und – vielleicht noch wichtiger: Die insgesamt installierte Ladeleistung ist um drei Viertel gestiegen. Der Ausbau der Ladeinfrastruktur in Deutschland ist an vielen Orten aktuell auf einem guten Stand, auch im internationalen Vergleich. Die Zahl der Neuzulassungen von E-Autos ist in den vergangenen Monaten sehr stark gestiegen. Das wird sich weiter fortsetzen. Um den Ausbau des Ladenetzes vorauslaufend voranzutreiben, haben wir im Bundeskabinett den Masterplan Ladeinfrastruktur II beschlossen. Dieser schafft die Grundlage für eine flächendeckende, bedarfsgerechte und nutzerfreundliche Pkw- und Lkw-Ladeinfrastruktur. Die zentralen Ziele sind, den Ausbau von Ladeinfrastruktur zu beschleunigen, den Ladeprozess zu vereinfachen und so den Umstieg auf E-Mobilität für die Menschen zu erleichtern. Zusätzlich sorgen wir mit der Ausschreibung zum „Deutschlandnetz“ für ein flächendeckendes Schnellladenetz sowohl an den Bundesautobahnen als auch im urbanen, suburbanen und ländlichen Raum. So stellen wir sicher, dass der nächste Schnellladepunkt überall in Deutschland in wenigen Minuten zu erreichen ist. Die rund 1.000 Standorte mit insgesamt rund 8.000 Schnellladepunkten füllen viele der noch verbliebenen „weißen Flecken“ auf der Ladelandkarte.
Wissing: Um den Verkehr klimaneutral zu stellen, verfolgen wir einen technologieoffenen Ansatz. Wir wollen uns alle Optionen offenhalten. Deshalb brauchen wir einen Wettbewerb der besten Technologien. Neben der Elektrifizierung des Verkehrs mit Hilfe von Batterien und Wasserstoff-Brennstoffzellen werden auch E-Fuels einen wichtigen Beitrag zur Klimaneutralität leisten. Das trifft insbesondere den Luft-, Schwerlast- und Schiffsverkehr. Aber wir brauchen E-Fuels auch, um die Pkw-Bestandsflotte klimafreundlich zu gestalten. Hierfür kommen vorzugsweise strombasierte Kraftstoffe und fortschrittliche Biokraftstoffe aus Abfall- und Reststoffen in Frage.
Wissing: Wasserstoff spielt eine wichtige Rolle bei der Dekarbonisierung der Mobilität. Nicht alle Bereiche unseres Wirtschafts- und Verkehrssystems lassen sich ohne Weiteres elektrifizieren. Potenziale für Wasserstoff- und Brennstoffzellenanwendungen finden sich zum Beispiel in Flottenanwendungen, bei schweren Nutzfahrzeugen, im Bahnverkehr und in schwer zu elektrifizierenden Bereichen wie der Schiff- und Luftfahrt. Auch in der Intralogistik sehen wir wachsendes Potenzial. Erste Autohersteller haben Staplerflotten auf H2-Basis im Betrieb, erste deutsche Häfen wasserstoffbetriebene Flurförderfahrzeuge. Wir fördern die Entwicklung und Anschaffung dieser Technologien im Nationalen Innovationsprogramm Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie, ähnlich wie wir den Markthochlauf der Elektromobilität fördern. Auch hier verfolgen wir einen technologieoffenen Ansatz, da für das Erreichen der Klimaziele im Verkehrssektor je nach Nutzungsanforderung künftig verschiedene Antriebstechnologien benötigt werden. Dabei kommt es darauf an, jede Technologie so einzusetzen, dass sie optimal wirken kann und auch ökonomisch konkurrenzfähig wird.
Wissing: Bidirektionales Laden zu ermöglichen ist eine konkrete Maßnahme des Masterplans Ladeinfrastruktur II – der Gesamtstrategie der Bundesregierung für den weiteren Ausbau der Ladeinfrastruktur: Gemäß Maßnahme 47 prüft das Bundeswirtschaftsministerium in enger Abstimmung mit meinem und dem Finanzressort, wie unter anderem die rechtlichen, technischen, steuerlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verbessert werden können, um etwaige Hindernisse für eine diskriminierungsfreie Nutzung der Möglichkeiten des bidirektionalen Ladens zu beseitigen. Hier haben wir zunächst vor allem private Wallboxen im Blick.
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