Behindertenfahrzeuge

Mobilität erhalten

Die Nachfrage an Fahrzeugen für Menschen mit Behinderung steigt. Autohersteller und Umrüster haben sich darauf eingestellt.

Heute leidet rund jeder zehnte Deutsche unter einer schweren Behinderung. Gründe dafür können beispielweise Unfall oder Krankheit sein. Für viele ist es dabei wichtig, ihre Mobilität zu erhalten – sei es mit dem eigenen Auto oder mit geeigneten Transportfahrzeugen. Der Markt für sogenannte „Kraftfahrzeuge zur Beförderung mobilitätsbehinderter Personen (KMP)“ ist daher groß.

Beispiel Kadomo

Begonnen hat alles vor 31 Jahren mit einem verbogenen Gaspedal. Damals kam ein Mann mit steifem Bein in Frank Rösners Fahrschule. In normalen Autos konnte der Führerscheinaspirant nicht richtig sitzen, so dass Rösner kurzerhand das Gaspedal ausbaute und passend zurechtbog. Das war seine erste behindertengerechte Umrüstung. Tausende weitere sollten folgen.

Heute führt Rösler eines von rund 50 spezialisierten Umrüstunternehmen für Behindertenfahrzeuge in Deutschland. Rund 1.000 Autos pro Jahr werden bei Kadomo im rheinischen Hilden und an zwei weiteren Standorten an die speziellen Bedürfnisse ihrer Fahrer angepasst – angefangen bei Handgashebeln für Menschen mit bewegungseingeschränkten Beinen bis hin zu kompletten Lift- und Rampensystemen für die Autofahrt im Rollstuhl.

Weitgefächerte Zielgruppe

Rund 100.000 Personen mit einer schweren Behinderung sind auf einen Pkw angewiesen, schätzt Rösner. Und die Zahl wächst, allein schon aus demographischen Gründen. Zur Zielgruppe zählt nicht allein der klassische Rollstuhl-Fahrer, sondern auch Senioren mit ganz normalen altersbedingen Einschränkungen, die sich etwa einen Schwenksitz einbauen lassen, um bequemer hinters Steuer zu kommen. Oder Übergewichtige, die sich in einem Seriensitz zu sehr eingequetscht fühlen.

Viele Varianten

Umrüsten lassen sich nahezu alle Autos. Selbst einen Ferrari mit Spezialsitz und Rollstuhlfach hat Rösner bereits gebaut. In den meisten Fällen sind es aber Hochdachkombis, Kleinbusse und andere Nutzfahrzeuge, die der Modifikation unterzogen werden. Große Transporter sind vor allem bei Behindertenfahrdiensten beliebt, kleinere besonders bei Privatkunden. In derartigen Modellen ist viel Platz für den Rollstuhl, große Heckklappen und Schiebetüren erleichtern den Einstieg und das Verstauen.

Umrüster oder Autohersteller

Wer in Deutschland ein behindertengerechtes Auto sucht, kauft sich sein Wunschmodell und wendet sich danach in der Regel an einen Umrüstbetrieb, der die Umbauten vornimmt und die anschließende TÜV-Abnahme organisiert. Einige Autohersteller bieten allerdings entsprechende Modelle auch über ihre Händler an. Fiat etwa, wo das seit den 90er-Jahren die eigens gegründete Abteilung „Fiat Autonomy“ übernimmt. Der Kunde wendet sich an sein normales Autohaus oder eine Niederlassung des Importeurs und bekommt sein neues Mobil – Pkw plus Umbau – aus einer Hand. Für die Umrüstung selbst bleiben aber die spezialisierten Unternehmen zuständig. Verzeichnisse seriöser Anbieter finden sich unter anderem beim ADAC, beim Bund behinderter Autobesitzer (BbAB) oder beim Verband der Fahrzeugumrüster für mobilitätseingeschränkte Personen (VFMP).

Fiat vertreibt mittlerweile eine nahezu vierstellige Zahl von Fahrzeugen über seine Autonomy-Abteilung, wie Norbert Wiederschein, zuständiger Manager bei Fiat in Deutschland, erläutert. Jedes Jahr wächst das Geschäft um einen zweistelligen Prozentsatz. Neben Marktführer VW zählen die Italiener damit nach eigenen Angaben zu den drei bis vier größten Anbietern derartiger Autos in Deutschland. Nicht nur dank des speziellen Vertriebsstrategie, sondern auch aufgrund zahlreicher Sonder-Dienstleistungen wie einer Hotline für die Fragen potenzieller Kunden. Außerdem hält Fiat eine kleine Flotte von umgerüsteten Fahrzeugen auf Lager, um Kunden im Notfall schneller mit Fahrzeugen oder Leihwagen bedienen zu können. Zusätzlich hat man auf Basis der eigenen Transporter-Baureihen gemeinsam mit den Umrüstern Standard-Umbauten entwickelt, was Aufwand und Kosten der Modifikationen senkt.

Aufwändige Umbauten

Wie aufwändig gearbeitet wird, zeigt Rösner am Beispiel des Kleintransporters Fiat Dobló, einem der bei Rollstuhlfahrern besonders beliebten Modelle. „Anders als die meisten derartigen Autos verfügt der Hochdachkombi über eine Einzelradaufhängung anstelle einer Starrachse“, erläutert er. Das hat einerseits Vorteile beim Fahrkomfort, andererseits lässt es den Mechanikern beim Umbau mehr Freiheiten. Das Original-Bodenblech des Autos wird herausgeflext, anschließend werden Querstreben eingezogen, an denen die Achsaufhängung befestigt wird. Dann wird ein neuer, rutschfester Boden verlegt, anschließend eine Rollstuhlrampe montiert. Im Ergebnis ist der Doblo nach dem Umbau sogar steifer und stabiler als das Grundfahrzeug. Knapp 7.000 Euro plus Mehrwertsteuer kosten die Maßnahmen, dazu kommt eine TÜV-Abnahme für rund 150 Euro.

Die Kosten

Je nach Aufwand können sich die Kosten für einen behindertengerechten Umbau auf mehr als 150.000 Euro belaufen. Die Landschaftsverbände, Fürsorgestellen und gegebenenfalls die Unfallversicherungen unterstützen teilweise den Kauf, vor allem Nicht-Berufstätige müssen aber die Hauptlast selbst tragen. Die Investition lohnt sich aber für viele, denn der Gewinn an Mobilität ist auch ein Gewinn an Lebensqualität. Für den Neuwagen selbst räumen die meisten Hersteller Rabatte ein, in der Regel maximal zwischen 15 und 25 Prozent auf den Listenpreis. Für Tageszulassungen oder Vorführwagen gilt der Nachlass nicht. (KH/SP-X)

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