Der E-Truck ist bereit für den Alltag. Nun entscheiden Ladeinfrastruktur, Software und Energiemanagement über den Erfolg von E-Flotten.
Sind elektrische Nutzfahrzeuge überhaupt praxistauglich? Noch vor wenigen Jahren stand vor allem diese Frage im Raum. Heute geht es um die nächste Herausforderung: Wie lassen sich E-Lkw wirtschaftlich, zuverlässig und planbar in den Alltag von Flottenbetreibern integrieren? Gespräche auf der Power2Drive in München schaffen einen Überblick.
„Einen E-Truck zu kaufen, ist die geringere Herausforderung. Wichtig ist, ihn auch wirtschaftlich zu betreiben“, heißt es am Messestand von Chargecloud. Damit wird eine Entwicklung beschrieben, die sich wie ein roter Faden durch die Messe zieht. Fahrzeuge werden zunehmend verfügbar – die eigentliche Herausforderung beginnt jedoch danach. Unternehmen müssen Ladeinfrastruktur planen, Netzanschlüsse prüfen, Softwarelösungen integrieren und ihre Betriebsabläufe anpassen. Dabei geht es längst nicht mehr nur um möglichst hohe Ladeleistungen. Entscheidend ist, dass die Infrastruktur im täglichen Betrieb zuverlässig funktioniert. Faktoren wie Verfügbarkeit, einfache Wartung und Cybersicherheit stehen hier im Mittelpunkt.
Gerade im Schwerlastverkehr gelten andere Anforderungen als beim Pkw-Laden. Touren, Standzeiten sowie gesetzliche Lenk- und Ruhezeiten ermöglichen zwar eine vergleichsweise genaue Ladeplanung. Gleichzeitig steigt aber die Bedeutung einer zuverlässigen Infrastruktur. „Jede Minute, die der LKW steht, wenn er nicht soll, kostet Geld“, bringt Chargecloud die Situation auf den Punkt. Während ein ausgefallener Ladevorgang im privaten Umfeld meist nur ärgerlich sei, könne er in der Logistik direkt wirtschaftliche Folgen haben.
Mit der zunehmenden Verbreitung elektrischer Nutzfahrzeuge gewinnt die Software hinter der Ladeinfrastruktur an Bedeutung. Systeme übernehmen unter anderem Fahrzeugautorisierung, Abrechnung, Lastmanagement, Monitoring und die Anbindung verschiedener Roaming-Anbieter. Nach Einschätzung von Chargecloud wird sich insbesondere im Depotladen zeigen, wie gut diese Systeme zusammenspielen. Nicht einzelne Ladepunkte stehen im Mittelpunkt, sondern die gesamte digitale Prozesskette.
Für kleinere Unternehmen ist diese Komplexität eine besondere Herausforderung. Kleine Speditionen brauchen Partner – und vor allem eine gute Beratung. Allein der Aufbau einer Ladeinfrastruktur reiche nicht aus. Hinzu kämen Fragen nach Netzanschluss, Schnittstellen zu bestehenden IT-Systemen und der wirtschaftlichen Auslastung der Anlagen.
Neben der Software rückt die Energieversorgung immer stärker in den Fokus. Der Schnellladeanbieter XCharge beobachtet, dass sich die Herausforderungen künftig weniger auf die Ladehardware selbst als vielmehr auf die verfügbare Netzleistung verlagern könnten. Auf die Frage nach den größten Herausforderungen bis 2030 antwortet das Unternehmen: "Batteries are going to be very, very important." Der Hintergrund: Immer mehr Unternehmen erzeugen mit Photovoltaikanlagen eigenen Strom. Damit steigt der Bedarf an Speichern und intelligenten Energiemanagementsystemen, die Energie flexibel nutzen und netzdienlich einsetzen können.
Eine mögliche Lösung sind sogenannte batterieintegrierte Schnellladesysteme. Dabei kombiniert der Hersteller Batteriespeicher und Ladeeinheit in einem System. Nach Angaben von XCharge lassen sich dadurch auch Standorte mit vergleichsweise geringer Netzanschlussleistung für leistungsstarkes Schnellladen nutzen.
Parallel entwickelt sich auch die Technik für schwere Nutzfahrzeuge weiter. Acbel präsentierte Lösungen, die Ladeleistungen im Megawattbereich ermöglichen sollen. Das Unternehmen arbeitet an Systemen, bei denen zwei 600-kW-Leistungseinheiten zu einer Ladeleistung von bis zu 1,2 MW kombiniert werden können.
Damit bewegt sich die Branche in Richtung des Megawatt Charging Systems (MCS). Der von Charin entwickelte Standard soll es ermöglichen, große Batterien schwerer Nutzfahrzeuge innerhalb gesetzlich vorgeschriebener Fahrpausen nachzuladen.
Auch Chargecloud sieht genau darin den entscheidenden Anwendungsfall. Anders als im Pkw-Bereich seien Touren und Ruhezeiten im Güterverkehr planbar. Dadurch lasse sich Ladeinfrastruktur gezielt in den Betriebsablauf integrieren.
Ein weiterer Trend zieht sich durch die Gespräche auf der Messe: die Ladesäule als Teil eines größeren Energiesystems. Acbel beschreibt das eigene Ziel so: "We don't want to just be a power company. We want to be a power and energy solution company." Gemeint ist die Vernetzung von Ladeinfrastruktur, Batteriespeichern, Onboard-Chargern, Photovoltaik und Energiemanagement. Chargecloud argumentiert ähnlich. Für den Erfolg der Elektrifizierung müssten verschiedene Partner zusammenarbeiten.
Die Gespräche auf der Power2Drive zeigen einen deutlichen Perspektivwechsel. Während in den vergangenen Jahren vor allem Fahrzeuge und Reichweiten diskutiert wurden, rücken heute Infrastruktur, Energieversorgung und digitale Prozesse in den Fokus.
Für Fuhrparkbetreiber bedeutet das: Der Einstieg in elektrische Nutzfahrzeuge beginnt nicht mit dem Fahrzeugkauf, sondern mit der Analyse des eigenen Standorts. Netzanschluss, Lastmanagement, Batteriespeicher, Softwareintegration und Betriebskonzepte werden zunehmend zu den entscheidenden Faktoren für Wirtschaftlichkeit und Verfügbarkeit von E-Flotten.


