Wie lässt sich der Wettbewerb bei innerstädtischen AC-Ladesäulen verbessern? Shell-Expertin Melanie Falkenstern gibt Einblicke in Marktstrukturen & Lösungen.
Der Ausbau der Ladeinfrastruktur in deutschen Städten steht vor großen Herausforderungen. Insbesondere im Bereich der AC-Ladesäulen behindern lange Genehmigungsverfahren und monopolartige Strukturen den Wettbewerb. Melanie Falkenstern, Geschäftsführerin von Shell Fleet Solutions, spricht im Interview über die aktuelle Marktlage, regulatorische Hürden und mögliche Maßnahmen zur Förderung eines offenen und dynamischen Wettbewerbs. Dabei geht es um transparente Ausschreibungen, effizientere Genehmigungsverfahren und Investitionsanreize für private Anbieter.
Der Markt für Ladeinfrastruktur ist vorhanden, ebenso Produkte und Lösungen sowie die Investitionsbereitschaft der Industrie. Allerdings muss dies auch zugelassen werden von den Beschaffungsmodalitäten der Städte. In Deutschland sind die Ausschreibungsverfahren (im Gegensatz zu unseren europäischen Nachbarländern) langwierig, ineffizient, häufig wirtschaftlich unattraktiv und für die meisten Kommunen im Volumen deutlich zu klein, um Investitionsbereitschaft zu mobilisieren – ein effizienter Betrieb öffentlicher Ladeinfrastruktur (speziell AC) unter 200 Ladepunkten ist kaum möglich. Die Ausschreibungen müssen zur Mobilisierung von Investitionsbereitschaft zwingend auch den Betrieb und die Instandhaltung der Ladeinfrastruktur inkludieren.
Mit Shell Recharge sind wir aktuell der viertgrößte Anbieter von Schnellladelösungen in Deutschland und bieten Kunden auf und jenseits der Tankstelle attraktive Lademöglichkeiten. Mit der Shell Card können Partner & Fahrer an über 800.000 Ladepunkten in Europa und mehr als 150.000 Ladepunkten in Deutschland laden. Davon beträgt unser eigenes Shell Recharge Schnellladenetzwerk bereits über 1600 Ladepunkte in Deutschland. Shell investiert in Ladeinfrastruktur in verschiedenen Formaten und an verschiedenen Standorten, die den Kundenbedürfnissen entsprechen. Ein Problem in urbanen Räumen ist der Mangel an Zugang zu Lademöglichkeiten. Deshalb bauen wir mit unserem 100 % Shell Tochterunternehmen ubitricity öffentliche AC-Laternenladestationen und Normalladepunkte im innerstädtischen Raum. Ubitricity ist Marktführer in Berlin und betreibt hier >900 Ladepunkte und expandiert mit 500 weiteren in Hamburg. Desweiteren arbeiten wir mit vielen Partnern zusammen, um die dortigen Flächen für Lademöglichkeiten zu nutzen. Jüngst haben wir die Partnerschaft mit Redevco verkündet und bauen bei den von ihnen verwalteten Fachmarktzentren Ladesäulen.
Ausschreibungen sehen in der Regel nur die Einmalleistungen vor, wie Hardware oder Installation. Hier fehlt der Part, der für den laufenden Betrieb nötig ist: Wartung, Service, Strombelieferung, Roaming-Integration, etc. Dieser liegt in den meisten Fällen bei dem lokalen Stadtwerk, das häufig in öffentlicher Hand ist. Für mehr Wettbewerb und Kapitalmobilisierung für den anstehenden Hochlauf (also auch deutlich mehr Ladesäulen), ist eine Marktöffnung dringend erforderlich und kann nur über Ausschreibungen und Konzessionsmodelle erfolgen, die wirtschaftlich attraktive Rahmenbedingungen setzen. Alternativ können offene Marktzugangsmodelle (offene Konzessionen) wie z.B. in Berlin den Rahmen setzen, in dem wettbewerblich ein bedarfsorientiertes Angebot unter gleichen Bedingungen für alle Marktteilnehmer geschaffen wird. Ein Schlüssel zum Erfolg sind Markterkundungsgespräche mit den Chargepoint Operators (CPOs), wie das Beispiel der Stadt Hamburg zeigt. Hier wurden solche Gespräche im Vorfeld geführt und fünf CPOs mit jeweils 500 Ladepunkten bezuschlagt.
Die wirksamste Methode, um lokale Monopole (und entsprechende Preissetzungs-Mechanismen) zu vermeiden, ist die Schaffung eines transparenten und diskriminierungsfreien Marktrahmen für Dritt-CPOs, also eine Marktöffnung - entweder durch eine Ausschreibung oder ein offenes Marktmodell, das unter einem allgemeinen Betreibervertrag die Zugangsregeln definiert und Marktteilnehmern gleichberechtigten Zugang zu definierten Zielvolumen gibt. Diese Form (wie z.B. in Berlin der Fall), ermöglicht der Kommune eine fortlaufende Optimierung und Nachbesserung der Volumen entsprechend des tatsächlichen Hochlaufs und kontinuierliche Flexibilität, technischen Fortschritt in das entstehende Angebot einfließen zu lassen. Eine wichtige Rolle beim Zugang zu geeigneten Standorten für Ladesäulen spielen die kommunalen Gebietskörperschaften. Sie sind in der Regel für die Stadt-, Landes- und Regionalplanung zuständig und haben einen Überblick über die Raumentwicklung und kennen potenzielle Räume, Leitbilder und Handlungsstrategien zur Raumentwicklung in Deutschland. Darüber hinaus können kommunale Gebietskörperschaften Anreize setzen, um den Ausbau von Ladeinfrastruktur zu fördern, beispielsweise durch die Bereitstellung von Flächen für den Bau von Ladesäulen oder die Einführung von Parkgebührenbefreiungen für Elektrofahrzeuge an öffentlichen Ladesäulen. Eine deutliche Entlastung können Gebietskörperschaften schaffen, durch die Vereinfachung und Beschleunigung von Genehmigungsverfahren für den Bau und Errichtung von Ladeinfrastruktur. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Zusammenarbeit zwischen den kommunalen Gebietskörperschaften und den Verteilnetzbetreibern. Räume zu entwickeln, bedeutet auch die nötige Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Häufig stellt sich das örtliche Verteilnetz als ein signifikantes Nadelöhr bei der Errichtung von Ladeinfrastruktur dar. Fehlende Transportkapazitäten, geringe Erschließungen in ländlichen Räumen und überbürokratische Prozesse bei der Beantragung von Netzanschlüssen wirken sich hemmend auf die Errichtung von Ladeinfrastruktur aus und bremsen das Interesse von Investoren in solche Räume massiv. Es gibt sicherlich Kommunen, die die wettbewerbliche Perspektive im Blick haben und die Ausweisung und Vergabe von Flächen an unterschiedliche Betreiber fördern. Insbesondere in größeren Städten und Ballungsräumen mit einer hohen Anzahl an Elektrofahrzeugen und einer starken Nachfrage nach Lademöglichkeiten ist es sinnvoll, mehreren Betreibern den Zugang zu ermöglichen, um ein effizientes und kundenorientiertes Angebot zu schaffen. Insgesamt lässt sich sagen, dass die Förderung von Wettbewerb im Bereich der Ladeinfrastruktur ein wichtiges Ziel ist, um eine kundenorientierte und effiziente Ladeinfrastruktur zu schaffen.
Wir bieten sowohl für AC- als auch für DC-Ladesäulen eine flexible Preisgestaltung an, die sowohl variable als auch einheitliche Preismodelle umfasst.
Einheitliche Preise bieten den Kunden Transparenz und sorgen besonders im Flotten-Bereich auch für wirtschaftliche Planbarkeit. Deshalb bieten wir unseren Shell Card Kunden umfassende Beratung bei der Elektrifizierung ihres Fuhrparks und haben verschiedene Preismodelle entwickelt, um für jeden ein passendes Angebot erstellen zu können.
Attraktive Investitionsbedingungen kann der Staat durch zusätzliche Flächen, schnellere Genehmigungen, vereinfachte Netzanschlussverfahren und den Ausbau der Netzkapazitäten schaffen. Die Aufgabe des Staates sollte die Setzung der rechtlichen Rahmenbedingungen sein und nicht über eine Unterstützung des Marktes hinausgehen. Eingriffe in die Preisgestaltung führen zu enormen Wettbewerbsverzerrungen und dadurch zu einer Verlangsamung des Ausbaus. Um Ladepreise attraktiver gestalten zu können, müssen insb. die staatlichen Komponenten reduziert werden, z. B. Netzentgelte und Stromsteuer.
Das sogenannte Durchleitungsmodell kann bereits umgesetzt werden, wenn es gewollt wäre. Die Bundesnetzagentur hat dazu vor mehreren Jahren die entsprechenden regulatorischen Grundlagen geschaffen. Anders als oftmals behauptet, führt das Durchleitungsmodell jedoch nicht zu einer Kostensenkung für die Endkonsumenten, sondern steigert die Kosten. Das liegt an den benötigten zusätzlichen Aufwänden der Einführung und des Betriebs eines solchen Modells. Ebenso besteht das Geschäftsmodell des CPOs in der Optimierung der Beschaffungskosten. Entsprechend würde das Durchleitungsmodell dem CPO diese wesentliche Kompetenz entziehen. Würden die positiven Effekte des Durchleitungsmodells überwiegen, hätte der Markt das Modell bereits eingeführt. Von einer verpflichtenden Einführung sollte daher unbedingt abgesehen werden.
Der zentrale Faktor ist die transparente und wettbewerbliche Vergabe von Flächen durch die öffentliche Hand. Diese beginnt mit einer transparenten Ausschreibung und Schaffung diskriminierungsfreier Marktzugangs-Chancen. Ebenso müssen die politischen Ziele (u.a. 800.000 öffentliche Ladepunkte bis 2030) auf kommunale Ebene heruntergebrochen und der Fortschritt jährlich verpflichtend gemonitort werden. Einem Nicht-Erreichen der Soll-Zahlen (pro Jahr) sollte durch Ausschreibungs- oder Marktöffnungspflichten einhergehen. Unabdingbar ist der Anschluss an das Stromnetz an diesen Flächen. Durch große Ausschreibungsvolumen über mehrere hundert bis tausend Ladepunkte kann der Ausbau innerstädtisch beschleunigt werden. Begrüßenswert wäre ein Zusammenschluss von mehreren Kommunen, so dass Ausschreibungen für ganze Regionen wie in den Niederlanden durchgeführt werden können. Hier werden nicht nur wenige hundert, sondern direkt mehrere zehntausend Ladepunkt in einem Tender ausgeschrieben. So kommt Tempo in den Ausbau.
Als Energieunternehmen begrüßen und fördern wir aktiv den Ausbau der Ladeinfrastruktur und sehen die Notwendigkeit, dass durch die Stärkung des Wettbewerbs, Anreize für Privatinvestitionen geschaffen werden. Die Rolle des Staates sehen wir insbesondere in der Schaffung der Rahmenbedingungen und der Beseitigung von Barrieren im Ausbau der Ladeinfrastruktur:
Der Umstieg zur E-Mobilität muss für die Kunden, egal ob privat oder als Unternehmen, finanziell attraktiv sein. Es bedarf dazu weiterer Maßnahmen zur Steigerung der Zulassungszahlen, z. B. über Abschreibungserleichterungen für die Beschaffung einer elektrischen Flotte oder die Reduktion der staatlichen Preiskomponenten des Ladepreises.
Der Preisvergleich mit unseren europäischen Nachbarländern zeigt, dass der Wettbewerb in Deutschland bereits im Schnellladesegment sehr hoch ist. Im AC Bereich (also innerstädtisch) herrscht in über 90 % der Städte eine erhebliche Marktkonzentration der Stadtwerke. Die Ladepreise in Deutschland sind deutlich geringer als in den Niederlanden, Frankreich oder Italien. Es bedarf einer Stärkung des Wettbewerbs durch die Vereinfachung von Rahmenbedingungen: Attraktive Investitionsbedingungen kann der Staat durch zusätzliche Flächen, schnellere Genehmigungen, vereinfachte Netzanschlussverfahren und den Ausbau der Netzkapazitäten schaffen.
Wir haben eine Partnerschaft mit 50five, einem führenden niederländischen Anbieter von EV-Ladelösungen, geschlossen, um das AC-Laden zu Hause und am Arbeitsplatz in Europa zu verbessern. 50five arbeitet daran, E-Mobilität und Energiemanagement für alle zugänglicher zu machen und lebt treu nach dem Motto: "Let's Take Charge of Tomorrow!" Wir freuen uns, einen starken Partner gewonnen zu haben und gemeinsam integrierte E-Mobilitäts-Lösungen anbieten zu können.
Digitale Plattformen und Apps können das gesamte Ladeerlebnis der Kunden verbessern und nahtloser gestalten. Hier gibt es beispielsweise Möglichkeiten der Routenplanung basierend auf dem Batteriestand und der Reichweite oder man erhält Zugang zu Loyalitätsprogrammen sowie Angeboten, kann digital bezahlen oder auch Ladevorgänge direkt in der App starten, bzw. stoppen. Ein wichtiger Punkt für Flottenbetreiber ist hier auch die Einsicht von Transaktionen und vergangenen Ladevorgängen. Für die Fahrer hingegen hat Priorität, in Echtzeit freie Ladekapazitäten und Standorte einzusehen. Bei uns gelingt dies mit der Shell Recharge App. Diese erleichtert es den Kunden ungemein, eine freie Ladesäule in ihrer Nähe zu finden und erspart insbesondere auch Zeit – ein für betriebliche Flotten hoher Faktor.
Wir möchten, dass unsere Kunden in Deutschland nicht nur vom Laden profitieren, sondern dass Mobilität durch ein einzigartiges Kundenerlebnis und den Zugang zu mehr Ladepunkten und Dienstleistungen einfacher und komfortabler wird. Mit Shell ClubSmart haben wir ein Treuepunkteprogramm für Fahrer entwickelt, das Mitarbeitervorteile bietet und den Stopp an einer Shell Station attraktiver macht. Aktuell gibt es bei jeder Ladung ein Heißgetränk umsonst im Shop. Wie die jüngste Shell Recharge Elektromobilitätsstudie zeigt, sind 69 % der Fahrer bereit, für ein besseres Ladeerlebnis weiter zu fahren. Dementsprechend ist es unser Ziel, E-Fahrern ein rundum sorgloses Ladeerlebnis zu bieten. Daher arbeiten wir eng mit unseren Einzelhandelspartnern zusammen, da E-Fahrer zunehmend längere Aufenthalte an unseren Shell Stationen einplanen.