Vom Underdog zum Gamechanger. Wie der neue Bigster Dacias DNA revolutioniert. Das stylische Kompakt-SUV macht kaum Kompromisse – außer beim Preis.
Der Frühling im westfälischen Lünen scheint schon wieder auf dem Rückzug zu sein. Der Wind pfeift über die weitläufigen Landstraßen, dunkle Regenwolken kündigen Nässe von oben an. Ein wenig um die Wette strahlen eigentlich nur die fleißigen Dacia-Mitarbeiter, die emsig ihren neuen Hero für die anstehenden Testfahrten herausputzen. Nicht ganz zu Unrecht. Sprechen die Markenstrategen beim neuen Bigster gar von einem Gamechanger, der das Image der rumänischen Renault-Tochter endgültig ummünzen soll, hin zu einem angesagten Autobauer preiswerter, gleichwohl wertiger Fahrzeuge. „Bezahlbare Mobilität ohne Verzicht auf moderne Technik“, lautet deshalb stets die Devise – neudeutsch: „Essential but cool“.
Diesem Motto folgt auch der Bigster. So haben sich Entwickler und Konstrukteure beim stylischen Newcomer ebenso „auf das Wesentliche konzentriert, ohne übermäßigen Konsum“. Freilich, selbigen wollen die Dacianer kräftig ankurbeln. Stoßen sie doch erstmals in das begehrte C-SUV-Segment vor und machen ihrem Ruf als Preisbrecher alle Ehre. Der Grundpreis von 20.160 Euro netto ist mehr als nur eine Ansage – es ist ein Statement mit Widerhall. Da dürfte sogar der Platzhirsch aus Wolfsburg ziemlich nervös mit den Hufen scharren. Denn wer sich lediglich für die Basis des VW Tiguan entscheidet, muss bereits satte 11.983 Euro netto mehr auf den Tisch blättern. In Zeiten von sich weiter verdüsternder Wirtschaftsdaten gewiss ein schlagkräftiges Argument.


Zurück in Lünen. Wie fährt er sich denn nun, der vielgelobte Bigster? Unter der Haube arbeitet der 155 PS starke Hybridantrieb fast lautlos, nur das Surren des Elektromotors mischt sich in die westfälische Landläufigkeit. Zwischen der Burg Schwansbell und dem Barrockschloss Nordkirchen offenbart der größte Dacia aller Zeiten sein wahres Gesicht: ein Fahrzeug, das weder Kompromisse beim Platzangebot noch beim Verbrauch macht – und doch den Geist der Günstigmarke bewahrt. Ein SUV, das Grenzen verschiebt. Mit 4,57 Metern Länge und einem Innenraum, der selbst sperrige Kindersitze schluckt, positioniert sich der Bigster klar als Familienauto. Doch Dacia denkt weiter: Der Kofferraum fasst bis zu 702 Liter, genug für zwei E-Bikes oder die Campingausrüstung. Die hinteren Türen öffnen sich weit, die Sitze lassen sich klappen – ein Konzept, das an praktische Van-Lösungen erinnert, aber im SUV-Gewand daherkommt.
Auf der Autobahn zeigt der Bigster seine ruhige Seite. Die Schalldämmung übertrifft Erwartungen an die Preisklasse, selbst bei 130 km/h bleibt das Gespräch entspannt. Doch in engen Kurven zeigt sich die Schwäche des Formats: Die lenkungsnahe Agilität des kleineren Dusters fehlt hier. Der Bigster braucht breitere Straßen. Auf der Bahn wird zudem schnell klar, dass der Bigster kein Dynamikmonster ist. Dafür ist der Hybridantrieb mit seiner Kombi aus 1.8-Liter-Vierzylinder (109 PS) und den beiden E-Motoren (49 PS + 20 PS) einfach zu schwach auf der Brust. Sparsam ist er schon eher. Beim Anfahren wird der Bigster unaufgeregt elektrisch angeschoben, erst ab Tempo 50 übernimmt der Verbrenner. Die Sechsgang-Automatik schaltet unaufdringlich, verlangt aber Geduld bei spontanen Überholmanövern. Die Stärke zeigt sich im Verbrauch: Trotz 1.549 kg Leergewicht werden bei unserer Testfahrt etwa 5,5 Liter auf 100 Kilometern durchschnittlich angezeigt – ein Wert, der nicht viel über den WLTP-Angaben von 4,7 Litern liegt. Für Familien bedeutet das: Mit einem 50-Liter-Tank könnten Reichweiten von rund 1.000 Kilometern drin sein.
Kommen wir zur Ausstattung. Bei Dacia von Haus aus eher spartanisch als üppig. Aber auch dabei überrascht der Bigster, liefert Unerwartetes. So bietet die Marke erstmals ein Panoramadach an – vorbei sind also die Zeiten des karg ausgerüsteten Billigheimers. Die Klimaanlage regelt zwei Zonen separat, die Sitze bieten seitlichen Halt. Alles unverkennbare Boten des Imagewandels. Indes der Blick aufs Detail verrät die Herkunft: Kunststoffoberflächen dominieren, die Bedienung des Infotainments via Smartphone-Spiegelung wirkt altbacken gegenüber integrierten Systemen. Es ist eben doch nicht als Gold, was glänzt.
Ungeachtet dessen überrascht die Serienausstattung. Bereits ab Werk an Bord sind u. a. ein adaptiver Tempomat, ein Spurhalteassistent und Wireless Charging. Ein kalkulierter Schachzug: Statt teure Technik zu verbauen, setzt Dacia auf essenzielle Features, die den Preis nicht zu sehr nach oben treiben. Zudem ist der Bigster eher auf europäische Bedürfnisse als auf Weltauto-Format abgestimmt. Insbesondere auch im Vergleich zu chinesischen Wettbewerbern absorbiert die Federung Schlaglöcher effizienter, die Bremsen reagieren direkter. Selbst der Hybridantrieb wirkt ausgereifter: Während vergleichbare Modelle aus dem Reich der Mitte oft ruckelnde Übergänge zwischen Antriebsarten zeigen, arbeitet der Dacia nahezu unhörbar. Preisbedingt präsentiert sich die Ästhetik wiederum recht nüchtern. Wo asiatische Hersteller mit LED-Lichtbändern und riesigen Displays protzen, setzt der Bigster auf funktionale Schlichtheit. Vielleicht stellt sich dieser Fakt aber im Nachhinein gerade als Stärke heraus und könnte durchaus als Argument für pragmatische Käufer dienen.
Wer behauptet, der Bigster sei eher ein Auto für Realisten als für Träumer, liegt sicherlich nicht falsch. Freilich schafft er den Spagat zwischen Familie und Fuhrpark, zwischen Alltag und Freiheit ohne große Probleme. Zudem bietet er, was viele Autofahrer wirklich brauchen: Platz, Hybrid-Effizienz ohne Steckerstress und ein Preis-Leistungs-Verhältnis, das die Konkurrenz erblassen lässt. In einer Zeit, wo jeder Hersteller Elektro-Hypes jagt, wirkt der Bigster wie ein Gegenentwurf – ein Auto, das die Brücke zwischen Verbrenner und ungewisser Zukunft schlägt. Ob er damit zum neuen Aushängeschild der Marke wird? Die Antwort liegt nicht in Statistiken, sondern auf der Straße. Und dort, zwischen Alltagsstress und Fernweh, könnte dieser Dacia gerade eine neue Ära einläuten.