Arbeitstier für schwierigstes Gelände: Ineos bringt seinen Geländewagen Grenadier als Pick-up „Quartermaster“. Damit wird der Offroader für mehr Kunden als nur Draußen-Enthusiasten attraktiv. Gewerbekunden gehören fest zur Zielgruppe.
Mit 27 Grad seitlicher Neigung nach links und 18 Grad nach vorne gekippt geht es mit dem massiven, 5,44 Meter langen Gefährt einen felsigen Pfad entlang. Hier, wo sonst nur Wanderer entlangkommen oder auch mal ein kleinerer echter Offroader sich seinen Weg bahnt und sicher keins der millionenfach auf den Straßen rollenden SUV, ist der Ineos Grenadier Quartermaster zu Hause. Wirklich abseits der befestigten Wege, dort wo man ohne Allrad, Reduktionsgetriebe, Leiterrahmen und Starrachsen mit Differenzialsperren nicht weiterkommt, fühlt sich dieses Ungetüm wohl – und mit ihm die Fahrerin oder der Fahrer. Für alle anderen Passagiere gibt es Möglichkeiten zum Festhalten.
Der Ineos Grenadier hat seit Bekanntwerden des Projekts hohe Wellen in der Automobilindustrie geschlagen. Und natürlich bei Offroad-Fans. Nicht verwunderlich, wenn ein Industrieller mal ebenso daherkommt und sich einfach seinen eigenen Offroader baut, weil Land Rover beschlossen hat, den Defender nicht mehr zu produzieren, wie es seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts üblich war und weswegen dieses Vehikel zu einer echten Ikone geworden war. Jim Ratcliffe ist dieser Industrielle und er will es mit seinem Unternehmen Ineos Automotive allen zeigen – beziehungsweise hat es längst geschafft.
Der Ineos Grenadier wird seit 2022 produziert, im französischen Hambach direkt hinter der deutschen Grenze im ehemaligen Mercedes-Benz/Smart-Werk und in vielen Märkten weltweit verkauft. Jetzt ist eine Weiterentwicklung zu haben: Die Variante mit Ladefläche hinter der Passagierkabine. Quartermaster, benannt nach der historischen Militärfunktion des Quartiermeisters, heißt der Grenadier Pick-up. Nun ist der Ineos Grenadier Quartermaster sicher ein Nischenprodukt. Aber er bedient eben genau jene Kundschaft mit speziellen Anforderungen an ein Fahrzeug, die kein anderes Fahrzeugkonzept bietet: Kompromisslose Geländegängigkeit, Ladefläche, Utility-Optionen zum Arbeiten „draußen“, wie den Zurrschienen an den Seiten, Power-Take-Off-Anschlüsse eigentlich überall am Fahrzeug oder Seilwinden mit 5,5 Tonnen Zugkraft.










Die Ladefläche des Quartermaster ist groß genug, um eine Europalette aufzunehmen und bis zu 835 Kilogramm zuzuladen. Zwar passt eine Europalette auch in einen zweisitzigen Utility Wagon, aber der Pick-up hat fünf Sitzplätze zur Verfügung. Der Radstand im Vergleich zum Grenadier Station Wagon/Utility Wagon um 30,5 Zentimeter länger und beträgt stolze 3.227 Millimeter. Ja, damit ist die Geländegängigkeit im Vergleich zu dem kleineren geschlossenen Modell etwas eingeschränkt. Doch davon merkt man auf unserem Felsenpfad nichts.
Allerdings sorgt die schiere Größe des Quartermaster und damit auch ein entsprechend großer Wendekreis von 14,5 Metern für reichlich Armarbeit am Lenkrad und auch zu dem einen oder anderen ungeplanten Korrekturzug beim Rangieren. Dass es hier keine Helferlein wie eine Hinterachslenkung gibt, ist Vorsatz: Grenadier-Vater und Ineos-Chef Jim Ratcliffe hat viele Anforderungen an das Fahrzeug selbst vorgegeben und auch darauf gepocht, auf Schnickschnack zu verzichten, der gerade im harten Geländeeinsatz störanfällig sein könnte.
Kein Schnickschnack heißt aber nicht, dass es im Quartermaster nicht komfortabel sein kann. Zwar ist die Rückbank nichts für Menschen mit wirklich langen Beinen, denn sie ist auf der Position montiert, wie sie im Utility Wagon mit fünf Sitzen liegt, recht weit vorgezogen. Aber dafür hat man auf dem Fahrer- und Beifahrersitz ausreichend Platz – und genießt selbst bei ruckeligsten Kraxelmanövern einen für diese Fahrzeugart bemerkenswerten Komfort, auch Dank der Recaro-Sitze. Alle Fahrzeugdaten lassen sich über das digitale Zentraldisplay ablesen und viele der haptisch zu aktivierenden Einstellungen sind im System zu finden vornehmen. Kabellose Smartphone-Konnektivität beispielsweise über Apple Carplay ist Standard.
Im Gelände, wenn man beispielsweise Arbeitsmaterial und Menschen zu entlegenen Baustellen mitten im Nichts bringen muss, ist die Leistung der beiden Antriebe passend ausgelegt. Ineos verbaut den BMW B58-Ottomotor oder den BMW B57 Diesel, also 3,0-Liter-Reihensechszylinder, jeweils mit einer Variante des 8HP-Automatikgetriebes von ZF. Der Benziner leistet 210 kW (286 PS) mit 450 Nm maximalem Drehmoment, der Selbstzünder 183 kW (249 PS) mit 550 Nm.
Auf der Straße zieht der Diesel anfänglich besser an, braucht dann aber doch eine gute Sekunde länger als der B58, bis er nach 9,8 Sekunden die 100 km/h erreicht hat. Hochgeschwindigkeitsfahrten sind in einem Grenadier weder vorgesehen noch sinnvoll. Bei 160 km/h ist Schluss. Und das reicht völlig für das etwa 2.700 Kilogramm schwere Fahrzeug (je nach Ausstattung).
Der Grenadier Quartermaster macht was her, auch im Innenraum. Wie das Kabinenfahrzeug ohne Ladefläche hat der britisch-deutsch-französische Wagen eine Fahrerkanzel, die mehr einem Cockpit eines Transportflugzeigs gleicht, als einem PKW. Außer dem von BMW bekannten Gangwählhebel und dem Lenkrad wirken die modularen Bedienelemente in der Mittelkonsole sowie an der Dachkonsole wie die Kontrollen einer robusten Kommandozentrale. Alle Taster, Kippschalter, Regler sind so konzipiert, dass sie auch mit getragenen Handschuhen noch gut zu bedienen sind – auch eine Anforderung Ratcliffes.
Einfach kaufen und losfahren ist nicht empfehlenswert, mit den verschiedenen Funktionen und dem korrekten Aktivieren sollte man sich schon befassen. Ist man aber mal drin, in der Bedienung des Grenadier, kann die Arbeit beginnen – und mit dem Ineos wird sie Spaß machen, egal wie weit der nächste befestigte Weg entfernt ist.
Den Ineos Grenadier Quartermaster gibt es ab knapp über 61.000 Euro. Die höheren Ausstattungen, Trialmaster oder Fieldmaster Edition, kosten ab 68.815 Euro (alle Preise netto, exkl. USt.). Zwischen Benziner und Diesel macht Ineos keinen Preisunterschied. In allen Austattungsvarianten lassen sich nahezu alle verfügbaren Optionen hinzufügen.
Herr Schlipf, haben der Ineos Grenadier und auch der Quartermaster eine Gewerbe-Zielgruppe?
Oliver Schlipf: Unsere Strategie war von Anfang an so ausgelegt, dass wir sagen: Wir wollen 20 Prozent Flottengeschäft machen. Wir haben schon viele Kontakte und auch schon einige Flottendeals abgeschlossen, sowohl Grenadiere als auch Quartermaster. Es wird aber noch eine Weile dauern, bis Flottenkunden sich für einen Ineos Grenadier entscheiden. Die schauen und beobachten erst mal, wie wir uns im Markt machen. Wir sind schon in Kommunikation mit diesen potenziellen Kunden. Also ja: Das ist ein ganz wichtiger Bereich für uns, absolut. In Deutschland wird der Anteil wahrscheinlich kleiner sein als 20 Prozent, aber über alle Märkte, die wir bedienen, wollen wir das schon erreichen.
Wie groß sind die Volumina, die Sie im Flottenbereich sehen und welche Branchen haben Sie im Blick?
Schlipf: Unser Ziel ist, dass wir pro Jahr 30.000 Fahrzeuge verkaufen. Davon 20 Prozent, dann sind wir schon bei einer größeren Summe. Also bis 6.000 Fahrzeuge können das schon werden pro Jahr. Wir haben jetzt die ersten Gespräche mit Bergbauunternehmen. An die Grube Zielitz der K&S, also Kali und Salz, haben wir beispielsweise die ersten beiden Fahrzeuge geliefert. Dort werden die Fahrzeuge unter Tage eingesetzt. Diese Fahrzeuge bleiben auch da unten, im Grunde genommen für immer, die kommen da nie wieder raus. Sie wurden limitiert in der Geschwindigkeit, es wurde ein bisschen was an der Elektronik verändert. Das ist jetzt ein erster Test und wir gehen davon aus, dass wir eine größere Zusammenarbeit in diesem Bereich starten können.
Mit der Chassis-Cab-Variante ohne montierte Pick-up-Ladefläche öffnet sich der Grenadier auch für die Verwendung als Sonderfahrzeug. Richtet sich das Fahrzeug damit auch an den öffentlichen Sektor?
Schlipf: Es gibt schon die ersten Anfragen aus dem öffentlichen Sektor. Nicht nur in Deutschland auch in Spanien, Italien und Frankreich von Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst, Katastrophenschutz. Es gibt auch die ersten Fahrzeuge, die wir schon liefern. In Frankreich haben wir auch einen Kunden aus dem Energiesektor, der Standorte von Energie- und Netzanlagen abseits befestigter Wege erreichen muss. Hier kann ein Grenadier Quartermaster oder auch das Chassis Cab mit individuellem Aufbau absolut punkten.