Die Marke Silence dringt in das Segment der Leichtfahrzeuge vor und will urbane Mobilität mit vollelektrischen Stadtflitzern neugestalten. Schafft sie das? Wir konnten deren Silence S04 auf einer Fahrveranstaltung bereits testen.
Bei Nissan gibt’s jetzt auch einen Smart? Fast! Zumindest ist es ein ziemlich kompakter Wagen, den Nissan jetzt anbietet. Silence S04 heißt das vierrädrige Nanocar und Nano ist Programm. Schließlich ist der Winzling lediglich 2,28 Meter lang, knapp 1,27 Meter breit und 1,57 Meter hoch. Mit der Einführung der Silence S04 Nanocar Leichtfahrzeuge in Deutschland will Nissan in den Bereich der Mikromobilität vordringen. Die Japaner wollen „kleine, saubere und leistungsstarke Mobilität für die Stadt“ anbieten und damit auf sich verändernde Mobilitätsbedürfnisse im urbanen Raum reagieren. Das geschieht allerdings nicht aus eigener Produktion. Die elektrischen Leichtfahrzeuge, für die Nissan lediglich den Vertrieb übernimmt, stammen vom spanischen Mischkonzern ACCIONA. Einen ersten Erfolg konnte dieser mit seinen Nanocars auch schon feiern. Bereits Mitte 2023 konnten die Spanier eine Vereinbarung mit dem Mobilitätsanbieter Ok Mobility über den Kauf von 5.800 Silence S04 Nanocars treffen. Ein Interesse an der kompakten Leichtmobilität scheint also schonmal vorhanden zu sein. Ob das berechtigt ist? Das haben wir auf unserer Testfahrt mit dem Silence S04 versucht herauszufinden.
Nano ist das Silence S04: 2,28 Meter lang, knapp 1,27 Meter breit und 1,57 Meter hoch, bei einem Leergewicht ohne Batterie von bis zu 435 Kilogramm, zzgl. 41kg pro Batterie wohlgemerkt. Die Front besitzt Voll-LED-Scheinwerfer, der Kofferraum des Nanocars bleibt mit einem Fassungsvermögen von 247 Litern ziemlich klein. Aber auf viel Gepäck ist es auch nicht ausgelegt. Taschen und Rucksäcke lassen sich ohne Probleme recht stabil transportieren. Das liegt vor allem auch daran, dass der Kofferraum ziemlich tief gelegen ist. Um zukünftig aber noch mehr Gepäck transportieren zu können, soll laut Konzernangaben im Jahr 2025 eine Cargo-Version des Silence S04 folgen, dann mit mehr Kofferraumvolumen.
„Nano“ soll die Ausstattung allerdings nicht sein. Heißt: Ausstattung ist reichlich vorhanden. Heizung und Klimaanlage, Armaturenbrett aus veganem Kunstleder, Fußmatten und Seitentüren mit Einsätzen aus veganem Kunstleder sind Serie. Außerdem serienmäßig vorhanden ist eine Smartphone-Halterung mit mehreren Anschlüssen in der Mitte des kleinen Cockpits. Dort lassen sich Smartphones aufladen, gleichzeitig können sie in Verbindung mit Google Maps als Navigationssystem fungieren. Ein Infotainmentsystem gibt es schließlich nicht. Ansonsten gibt es, bis auf einen kleinen Bildschirm hinter dem Lenkrad, der z.B. den Ladezustand der Batterien anzeigt, keine weiteren Bildschirme im Nanocar. Ein Audiosystem mit Bluetooth-Schnittstelle für Smartphones ist in das Silence S04 integriert, ein Radio gibt es nicht. In Zeiten von Spotify und Co. ist das auch nicht notwendig.



Das Silence S04 Nanocar ist ein Zweisitzer und wird in zwei Versionen, einer „langsamen“ Version L6 und schnellen Version L7 angeboten. Stoffsitze gibt es beim S04 L6, veganes Kunstleder beim S04 L7. In beiden Versionen lassen sich die Sitze verstellen, beim L6 2-fach, beim L7 4-fach. Äußerlich bleibt´s für beide Modelle beim Anstrich in metallic white. Generell gibt es bis auf Geschwindigkeit und Reichweite keine großen Unterschiede zwischen den beiden Nanocar-Versionen, denn die Ausstattung ist serienmäßig, ohne Optionspakete. Teil des Silence Ökosystems ist außerdem eine App, eine „connencting architecture“, mit deren Hilfe unter anderem der Ladezustand der Batterien überwacht, das Nanocar verschlossen sowie entriegelt und gestartet werden kann. Die Fernsteuerungsfunktionen mit der my Silence App über das Mobile Datennetz sind allerdings nur ein Jahr lang kostenlos, danach gegen Aufpreis nutzbar.


Angetrieben wird das Silence S04 Nanocar von bis zu zwei Batterien (Lithium-Ionen-Zellen) mit 5,6 kWh pro Stück. Diese wiegen stattliche 41 Kilogramm, pro Batterie wohlgemerkt, können herausgenommen, und dann wie ein Rollkoffer zur nächsten Steckdose gerollt werden, wo sie dann zwischen sieben und neun Stunden brauchen, um vollständig aufzuladen. Zukünftig soll es auch Battery-Swapping-Sations geben. Das Konzept ist ähnlich dem von NIO, wobei die Stationen für die Nanocars natürlich weitaus kleiner ausfallen. Fahrerinnen und Fahrer können diese Stationen aufsuchen, den eigenen Akku gegen einen geladenen Akku tauschen und dann einfach weiterfahren. Die ganze Prozedur soll auch nicht länger als 30 Sekunden pro Batterie dauern. Über eine App können sie vorab reserviert und innerhalb eines Zeitraums von 20 Minuten abgeholt werden. In Metropolen wie Madrid gibt es die Battery-Swap-Stationen bereits, in Deutschland lassen sie noch auf sich warten.
Unsere Testfahrt mit der kräftigen Version, dem Silence S04 L7, führte uns hauptsächlich durch Innenstädte und entlang von Stadträndern, wenige Abschnitte führten uns auch über Landstraßen. Beim ersten Hinsetzen fiel gleich auf, dass man doch relativ hoch sitzt, was beim Betrachten des Nanocars von außen gar nicht den Eindruck macht. Man hat aus der Fahrerkabine einen guten Überblick über das Geschehen rund um das kleine Fahrzeug und es sitzt sich nicht unbequem, auch bei einer Fahrergröße von, in diesem Fall, 1,87cm. Allerdings ist durch die Bauart des Nanocars links neben der Bremse nicht viel Platz, um sein Bein während der Fahrt komplett gerade auszustrecken. Auch die Kopfstütze fällt für größere Personen etwas zu aus.
Der Testwagen braucht laut Herstellerangaben unter sieben Sekunden, um von 0 auf 50 km/h zu beschleunigen. Das merkt man allerdings hauptsächlich beim Anfahren. Danach zieht er schon ordentlich an, teilweise hängten wir die konkurrierenden Pkw innerhalb der Stadt kurzzeitig ab, was den ein oder anderen Schmunzler mit sich brachte. Die 85 km/h Spitzengeschwindigkeit des L7 schafften wir auf der Landstraße allerdings nicht, bei 80 km/h war Schluss. Auf gerader Strecke macht die Geschwindigkeit auch erstmal keine Probleme, nur in Kurven wirkt das Nanocar doch eher instabil. Während der Fahrt mit höheren Geschwindigkeiten dringen auch ordentlich Geräusche ins Wageninnere. Hinzu kommt, dass die Fahrt doch recht holprig war, und das schon bei augenscheinlich recht glatten Straßen. Schlaglöcher sollten unbedingt umfahren werden. Inpuncto Bremse ist vorausschauendes Fahren grundsätzlich angemessen, denn diese muss schon früh und ziemlich kräftig betätigt werden, um rechtzeitig zum Stehen zu kommen. Aber auf Spitzengeschwindigkeiten kommt es beim Silence S04 auch gar nicht an, ist es doch weder Limousine noch SUV noch (grundsätzlich) Pkw. Der Use-Case ist laut Nissan ohnehin nicht unbedingt die Langstrecke.
Nun ist das Silence S04 nicht so üppig ausgestattet wie ein Pkw, aber geht das zulasten der Sicherheit? Die zahlreichen Assistenzsysteme, die seit 7. Juli 2024 in der EU für neuzugelassene Fahrzeuge Pflicht sind, finden im Nanocar zumindest keine Anwendung. Ein Airbag ist auch nicht verbaut und das, obschon zumindest die Version L7 des Nanocars bis zu 85km/h schnell fährt und alle gängigen Straßen nutzen darf. Grund für das Fehlen der Systeme ist, dass die Leichtfahrzeuge nicht unter die Sicherheitsbestimmungen fallen, wie sie für herkömmliche PKW-Fahrzeugsegmente nun verpflichtend sind. Das bestätigte auch Gareth Dunsmore, Managing Director e-Micro Mobility AMIEO, bei der Fahrveranstaltung vor Ort in Wesseling. Zumindest soll die Möglichkeit eines Airbags in Zukunft evaluiert werden, so Dunsmore.
„Kleine, saubere und leistungsstarke Mobilität für die Stadt“, so der Nissan-Duktus, den auch Carlos Sotelo, CEO der ACCIONA Mobilitätssparte von Silence, unterstreicht: „Die Bedürfnisse der Autofahrerinnen und Autofahrer in den Städten von heute ändern sich. Um darauf zu reagieren, müssen wir intelligenter und kleiner denken.“ Auf der Pressekonferenz vor Ort in Wesseling hieß es darüber hinaus, dass das Silence S04 sich vor allem auch an junge Menschen richte. Diese wohnen in und rund um größere Städte und wollen für den Weg zur Schule, zur Ausbildung oder zur Universität auf alternative Mobilitätsmittel zurückgreifen. Leichtfahrzeuge bieten mehr Komfort als z. B. Roller und trotzdem Unabhängigkeit vom ÖPNV. Dementsprechend kann die Version L6 des Nanocars mit einer Höchstgeschwindigkeit von 45km/h bereits ab einem Alter von 15 Jahren gefahren werden.
Da es den elektrischen S04 mit unterschiedlichen Höchstgeschwindigkeiten zwischen maximal 45km/h und maximal 85km/h gibt, gelten hier auch unterschiedliche Führerscheinvoraussetzungen. So ist für den Silence S04 L6 ein Führerschein der Klasse AM nötig, der bereits ab einem Alter von 15 Jahren erworben werden kann. Die Version L7 kann erst mit einem Führerschein der Klasse B gefahren werden und damit erst ab einem Alter von 18 Jahren. Das Nanocar L6 darf auf allen Straßen, mit Ausnahme von Kraftfahrstraßen und Autobahnen, fahren, L7e hingegen auf allen Straßen.
Das Nanocar gibt es in zwei Varianten, mit jeweils bis zu zwei Batterien:
Das Silence S04 Nanocar L6 gibt es ab 10.080 Euro (alle Preise netto, zzgl. USt.), das L7 ab 11.844 Euro. Den Vertrieb übernehmen ausgewählte Händler der Nissan Deutschland GmbH. Leasing ist auch möglich, bisher allerdings nur auf das Silence L6 mit einer Batterie für 99 Euro netto anwendbar. Online kann das Nanocar bisher nicht erworben werden (Stand 29. Oktober 2024).