Nissan hat auf Basis des Renault Master seinen neuen Großtransporter Interstar zu den Händlern gebracht. Erstmals auch in einer vollelektrischen Version.
Praktisch, vielseitig und zuverlässig, der japanische Autobauer Nissan will mit dem neuen Interstar frischen Wind in den Markt für leichte Nutzfahrzeuge (Light Commercial Vehicles, LCVs) bringen. Frischer Wind? Ja und Nein. Technisch gesehen darf der neue Nippon-Lastesel mit Fug und Recht als Master-Klon aus der Renault-Allianz bezeichnet werden. Denn: Das Schwestermodell liefert die komplette Basis und Infrastruktur. Optisch sowie bei etlichen Feinheiten und Details unterscheiden sich indes die Transporter-Zwilling sehr wohl. Ist also der Nissan Interstar der bessere Renault Master?
Das dürfte von den persönlichen Präferenzen und dem verfügbaren Budget des Käufers – vom klassischen Handwerker über andere Gewerbetreibende bis hin zu Flotten und Fuhrparks – abhängen. Dazu aber später mehr. Schauen wir deshalb zuerst einmal auf die Grundfakten: Als NV 400 einst geboren gehört der Interstar inzwischen bereits seit rund 25 Jahren zum festen Bestandteil der Nissan-Nutzfahrzeugfamilie, bildet vor seinen Baureihengeschwistern Townstar und Primastar das LCV-Flaggschiff der Marke. Kein Wunder also, dass die Japaner in ihr neues Vorzeigemodell große Hoffnungen setzen. Zumal Nissan seinen größten Transporter erstmals auch als reinen Stromer anbietet. Darüber hinaus steht das für den Einsatz im urbanen Umfeld zugeschnittene leichte Nutzfahrzeug auch als Dieselvariante zur Wahl, die genau wie die rein elektrische Version in Frankreich produziert wird. Die Preise für den Diesel in der Basisausstattung starten bei 34.250 Euro (zzgl. USt.). Für den Vollelektriker Interstar-e müssen mindestens 53.380 Euro (zzgl. USt.) gezahlt werden.
Erhältlich ist der neue Interstar in zwei verschiedenen Längen und Höhen. Zudem kann zwischen unterschiedlichen Gewichtsklassen gewählt werden. Beim Selbstzünder sind es 3,3 und 3,5 sowie vier Tonnen, beim Interstar-e 3,5, 3,8 und vier Tonnen. Darüber hinaus stehen vielfältige Umbauten ab Werk im Katalog, darunter Kipper, Pritschen- und Kastenwagen sowie die Kastenwagen-Doppelkabine. „Ob Platz für besonders große und schwere Waren oder auch weitere Fahrgäste benötigt wird – der neue Nissan Interstar offeriert zahlreiche Lösungen für große und kleine Unternehmen“, werben die Nissan-Offiziellen selbstbewusst.
Des Weiteren hebt sich Nissans neues LCV-Dickschiff in puncto Geräumigkeit und Vielseitigkeit deutlich von seinen Vorgängern ab. Mit einer Laderaumlänge von bis zu 3.855 Millimetern und einer 1.312 Millimeter breiten Seitentür sollte die Beladung schnell und einfach möglich sein. Der Laderaum der L2H2-Version kann 10,8 Kubikmeter aufnehmen, in der L3H3-Ausführung gehen sogar bis zu 14,8 Kubikmeter mit. Die Nutzlast des Diesels beträgt in der Vier-Tonnen-Variante bis zu 1.925 Kilogramm. Als Fahrgestell sind beim Selbstzünder maximal bis zu 2.175 Kilogramm drin, in der vollelektrischen Ausführung bis zu 1.925 Kilogramm. Die maximale Anhängelast liegt bei 2.500 Kilogramm. Damit sollte Nissans Arbeitstier für die unterschiedlichsten Einsatzzwecke ausreichend gerüstet sein.
Die Aerodynamik wurde im Vergleich zur Vorgängergeneration nochmals optimiert, was unabhängig von der Antriebsart den Luftwiderstand laut Hersteller um zwanzig Prozent reduziert und damit zur gesteigerten Energieeffizienz beiträgt. Kommen wir zu Fahrverhalten und -komfort. Beim Antrieb bietet der Interstar eine breite Palette an Optionen. In unserem Test konnten wir die stärkere E-Version mit 143 PS und einer 87-kWh-Batterie fahren. Die Reichweite von bis zu 460 Kilometern ist für einen E-Transporter beachtlich und dürfte viele Einsatzszenarien abdecken. Die Beschleunigung erfolgt sanft und linear, wobei das sofort verfügbare Drehmoment von 300 Nm für souveräne Kraftentfaltung sorgt. Alternativ stehen verschiedene Dieselmotoren zur Wahl, die wir ebenfalls testen konnten. Der 2,0-Liter-Selbstzünder überzeugt in allen Leistungsstufen mit kultiviertem Lauf und ausreichender Kraft. Besonders die Top-Variante mit 170 PS und Neun-Stufen-Automatik bietet ein komfortables und entspanntes Fahrerlebnis. Auf der Straße zeigt sich der Interstar munter und aufgeweckt. Das Fahrwerk ist ausgewogen abgestimmt und bietet einen guten Kompromiss zwischen Komfort und Stabilität. Nur die Lenkung könnte spürbar präziser sein. In diesem Punkt schneidet der Stromer, der selbst mit Beladung ein sichereres Fahrgefühl vermittelt, deutlich besser ab.







Zurückkommend zur eingangs gestellten Frage fallen im direkten Vergleich zum Renault Master einige Unterschiede auf. So hat Nissan seinem Interstar nicht nur optisch eine eigene Note verliehen, sondern positioniert ihn auch preislich etwas höher. Die Basisversion des Interstar mit 105 PS ist zwar günstiger als das Renault-Pendant, doch in den höheren Ausstattungsvarianten und bei den Elektroversionen liegt der Nissan preislich über dem Schwestermodell. Ein klarer Vorteil des Interstar ist die großzügigere Garantie. Während Renault lediglich zwei Jahre ohne Kilometerbegrenzung bietet, gewährt Nissan eine fünfjährige Garantie bis 160.000 Kilometer. Dies könnte besonders für Vielfahrer ein entscheidendes Kaufargument sein. In Sachen Sicherheit und Assistenzsysteme sind beide Modelle auf Augenhöhe. Der Interstar verfügt über eine Vielzahl moderner Helfer, darunter Notbremsassistent, Müdigkeitswarner und Anhänger-Stabilisierungssystem, die das Fahren sicherer und komfortabler gestalten.
Fazit: Der neue Nissan Interstar gefällt als vielseitiger und moderner Transporter, der die Stärken des Renault Master geschickt mit eigenen Akzenten kombiniert. Die breite Motorenpalette, insbesondere die neue Elektrovariante, macht ihn für verschiedenste Einsatzzwecke interessant. Die etwas höhere Preispositionierung wird durch die umfangreichere Garantie teilweise kompensiert. Für Kunden, die Wert auf das Nissan-Markenerlebnis und einen individuelleren Auftritt legen, ist der Interstar durchaus eine Alternative zum Renault Master.