Vom Stammtisch bis zum Netzwerk: Frauen schaffen sich zunehmend eigene Räume für fachlichen Austausch. Was leistet welches Format?
Diese Geschichte beginnt bei LinkedIn. Bei einer Nachricht, die der Autorin wochenlang Sorgen bereitet: Würde man sie auslachen, interessiert sich überhaupt jemand dafür? Dann fasst sie sich ein Herz. Sie formuliert: „Ich möchte reden – und zwar unter Expertinnen!“ Über ihren Alltag als Fleetmanagerin. Darüber, dass die Mobilitätswende komplexer und weiblicher werde. Und dass sie einen Frauenstammtisch gründen will, weil „wir bei E-Transformation oder Car-Policies andere Perspektiven einbringen.“ Ob fünf bis zehn Frauen Lust haben, einen Stammtisch regelmäßig mit Leben zu füllen?
Ein paar Monate später beantwortet Tanja Gscheidle meine Fragen, einem Mobilitätsjournalisten: Welche Reaktionen ihr Post ausgelöst habe, ob ein Stammtisch entstanden sei – und was die Fuhrparkmanagerin und -beraterin unter „andere Perspektiven einbringen“ verstehe. Schließlich ist sie Teil eines Trends: Frauen der Mobilitätsbranche verbinden sich zunehmend in eigenen Formaten. Women in Mobility gründet 2018 einen ersten regionalen Hub, heute listet das Netzwerk 13 – in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Großbritannien. Women in Cycling Germany startet 2024 und zählt heute mehr als 700 Expertinnen. Die Bundesvereinigung Logistik wandelt die Initiative Ladies in Logistics nach 16 Jahren in ein eigenes Netzwerk um. Zudem vernetzen sich nun auch die Netzwerke: Im Sommer 2026 treffen sich eine Handvoll Netzwerke und diskutieren über Sichtbarkeit, Karriereentwicklung und die Wirkung von Frauennetzwerken. „Wir beobachten eine spannende Entwicklung: Immer mehr unternehmensinterne und unternehmensübergreifende Frauennetzwerke werden sichtbar“, schreiben die Organisatorinnen. (Auch Interesse? https://www.eta-fleet.de/frauen-fleet-stammtisch-info)

Zurück zu Gscheidles LinkedIn-Initiative: Welche Reaktionen folgen auf ihren Post? Eine Kollegin freut sich direkt auf den Austausch, schließlich sei der Unterschied bei Frauen oft, dass sie den Fuhrpark nebenbei managten, viele ohne Kenntnisse oder Passion für das Auto. Eine andere lobt die Idee, die Zahl der Frauen in der Branche sei überschaubar (Women in Mobility schätzt den Anteil auf 20 Prozent): „Umso wichtiger ist es, dass wir uns vernetzen.“ Aber bitte digital, ihr Arbeitsplatz liegt in Österreich. Beim ersten Treffen per Video sind es sechs, beim zweiten 20. „Heute sind wir knapp 30 Frauen“, erzählt Gscheidle. Jeden Monat für eine Stunde „entsteht eine tolle Dynamik.“ Regel Nummer 1: kein Pitch, keine Verkaufe. Themen dieser Treffen? Klassische Fuhrparkthemen: Halterhaftung, Schadenmanagement oder der Unterschied zwischen Dienstwagenrichtlinie und Dienstwagenüberlassungsvertrag. Manche kommen aus der Assistenz der Geschäftsleitung, andere aus der Personalabteilung. Viele haben den Fuhrpark mit auf den Tisch bekommen.
Eine zusätzliche Perspektive entsteht. Beispiel Fahrzeugwahl: „Eine Frau denkt eher: Wie kriege ich den Kinderwagen in ein Auto?“ Bei der Mobilitätsplanung: „Wo kann ich laden, wenn ich beim Einkaufen bin?“ Oder bei ihrer Arbeit als Fuhrparkmanagerin: „Empathie für diese Bedürfnisse hilft, Dienstwagenberechtigte anders für Veränderungen zu gewinnen.“ Hinzu kommt oft ein anderer Hintergrund. Wer als Frau einen Fuhrpark übernimmt, war vorher oft in einem kaufmännischen Bereich. Das Vorwissen liegt dann weniger in Autofragen – zum Beispiel, ob ein V8 sein muss. Sondern eher: „Wo liegen die TCO, wie kann ich Kosten reduzieren, wie setze ich Elektromobilität um?“ Gscheidles Schlussfolgerung: „Deswegen ist bei uns der Fokus mehr auf Emotionalität und Strategie, weniger auf technischen Details.“ Allerdings betont sie, dass sie Beispiele wie diese als zusätzliche Perspektiven versteht. „Und nicht als pauschale Beschreibung, wie Frauen oder Männer an Fuhrparkthemen herangehen.“
Was alle bei den Treffen wertschätzen, ist das WIE: „Keine hat Angst, Fragen zu stellen.“ Es ist der offene Wissensaustausch auf Augenhöhe, verbunden mit ähnlichen Arbeitsbiographien. „Fuhrparkthemen in einer Frauenrunde zu fragen, fällt leichter als mit männlichen Kollegen, die seit 25 Jahren dabei sind“, sagt Gscheidle. Bei ihrem Stammtisch teilen Teilnehmerinnen Erfahrungen und lernen voneinander – „unabhängig davon, wie lange sie schon im Fuhrparkmanagement tätig sind.“ Warum braucht es dann noch große Netzwerke?
“"Um sich aus der Bubble rauszubewegen“, sagt Gscheidle. Um andere Themen kennenzulernen wie Fahrrad, ÖPNV oder Schifffahrt – zum Beispiel bei Women in Mobility.”
„Wir sind ein Fachnetzwerk“, sagt Kerstin Dämon, Geschäftsführerin für Kommunikation & PR. Die Themen in diesem Netzwerk? „Ein Fachaustausch zum Thema Mobilität“ – zu allen Arten: Jemand sucht eine Expertin für die Einbindung von Seilbahnen in den ÖPNV? „Dann kommt sie zu uns, wir haben die.“ Auch auf dieser Bühne schätzen Teilnehmerinnen vor allem Augenhöhe. Kerstin Dämon kam einst ohne technisches Vorwissen in die Elektromobilität: „Kann mir das jemand erklären, als wäre ich drei Jahre alt – aber ohne mich so zu behandeln?“ Themen 2026 sind zum einen klassische: Was bringt der elektrische Dienstwagen, wenn die Nutzerin zu Hause nicht laden kann? Oder spezifische: Wie arbeiten Inkasso-Anbieter für Parkflächen von Supermarktparkplätzen?

Und dann gibt es hier Themen, die woanders oft runterfallen. Beispiel eins: Wie berücksichtigen Arbeitsplätze die Bedürfnisse von Frauen? Dämon nennt Werkstätten und Fahrdienste mit Schutzkleidung nur in Männergrößen, zu großen Handschuhen oder Toiletten ohne Mülleimer für Menstruationsprodukte.
Beispiel zwei: die Lücke im Mobilitätsdesign. Forscherinnen werten 2025 83 Publikationen aus, interviewen Fachleute aus Fahrzeugkonstruktion, Fahrzeugdesign und Mobilitätsmanagement. Ihr Befund veranschaulicht eine Geschlechterlücke, ein „Mobility Design Gender Gap“: Angeschnallte Fahrerinnen haben bei vergleichbaren Unfällen ein 47 Prozent höheres Risiko für schwere Verletzungen als Fahrer.
Verkehrsnetze sind oft auf männliche A-nach-B-Pendlerströme zugeschnitten, Sorgearbeit aber zeichnet oft komplexere Wegeketten auf Straßen. Im ÖPNV fehlen oft Kinderwagenstellplätze, Halteschlaufen erreichen kleinere Menschen oft nicht. Berechnete Umstiegszeiten basieren oft darauf, „dass jemand gesund ist und die Hände frei hat“, sagt Dämon. „Das klappt aber nicht, wenn du an der einen Hand Kind oder Vater am Rollator und an der anderen den Wocheneinkauf ziehst.“
Zudem fehlen oft Maßnahmen für ein besseres Sicherheitsgefühl. Tanja Gscheidle kennt das: „Ich stand um 23 Uhr mit meinen siebenjährigen Kindern nach dem Urlaub an einer unbeleuchteten E-Ladesäule auf einem Feldweg hinter einem Industriegebiet.“ Ein einzelnes Erlebnis zunächst – bis jemand darüber spricht. Und genau dort beginnen Netzwerke.

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