Die europäische Automobilindustrie gerät zunehmend unter Druck und blickt einer ungewissen Zukunft entgegen. Nun wandte sich Mercedes-Benz-Chef Ola Källenius direkt an die europäische Politik.
Die europäische Automobilindustrie steht vor massiven Herausforderungen. Sowohl drohende Handelskriege als auch die politisch anvisierten Klimaziele machen ihr zu schaffen. Im Angesicht dessen richtete sich nun Mercedes-Benz-Chef Ola Källenius in einem offenen Brief an die Europäische Union. Das Anliegen: Er möchte der EU-Spitze die wichtigsten Prioritäten der europäischen Automobilindustrie vorstellen und aufzeigen, wo politische Unterstützung sinnvoll wäre.
Mit Blick auf die chinesische Automobil-Subventionspolitik, die von europäischer Seite erhobenen Strafzölle und die vom zukünftigen Präsidenten Donald Trump in Aussicht gestellten Zölle erscheine die Situation des Welthandels nicht optimal. Von Handelskriegen würde aber niemand profitieren: „Insgesamt ist es wichtig zu erkennen, dass der Handel mit China und den USA für den Wohlstand der europäischen Wirtschaft am wichtigsten ist.“ Daher sei es für die EU und ihre Industrie wichtig zu überlegen, wie sie zwischen Kooperation und Wettbewerb navigiert.
Was die Handelsbeziehungen zwischen der EU und den USA betrifft, so bestehe zwischen beiden Regionen eine starke, über Jahrhunderte gewachsene Wechselbeziehung, die beiden Seiten Wohlstand und Wachstum beschert habe. Daher sollte sich um eine Übereinkunft mit den USA bemüht und versucht werden, einen Handelskonflikt zu vermeiden. Man freue sich auf die Zusammenarbeit mit der neuen Regierung bei politischen Maßnahmen, die das Wachstum und die Entwicklung der US-amerikanischen Fertigungs- und Automobilindustrie sowie die Handelsbeziehungen zwischen der EU und den USA fördern.
Im Umgang mit China sei es wichtig, lang etablierte und gut funktionierende Lieferketten nicht zu gefährden. Sowohl die EU als auch China wollen Arbeitsplätze auf ihren Heimatmärkten schützen und gleichzeitig von den Vorteilen des freien internationalen Handels profitieren. In dieser Hinsicht hätten beide Seiten ein Interesse daran, eine Einigung im Zollstreit zu erzielen. Diese Verhandlungen müssen so bald wie möglich zu einem positiven Abschluss kommen.
Der realistische Weg zur Dekarbonisierung der europäischen Automobilindustrie sollte vom Markt und nicht von Strafen bestimmt sein, heißt es weiter. Zwar wolle die europäische Automobilindustrie den EU-Zielen der Klimaneutralität bis 2050 und dem Übergang zur emissionsfreien Mobilität treu bleiben. Allerdings müsse die Dekarbonisierungsstrategie für den Automobilsektor Wirtschaftswachstum und Wettbewerbsfähigkeit schaffen und dürfe sie nicht einschränken.
Die Umstellung auf elektrifizierte Fahrzeuge in Europa schreite nicht mit dem erforderlichen Tempo voran. Dieses Tempo werde allerdings von den Kunden und den Marktbedingungen bestimmt. Die Förderung des Kaufs und der Nutzung elektrischer und elektrifizierter Fahrzeuge durch steuerliche und nicht-finanzielle Anreize würde dazu beitragen, dass sich ein selbsttragender Markt entwickelt.
Der europäische Green Deal müsse ebenfalls einem Realitätscheck unterzogen und neu ausgerichtet werden - um ihn flexibler zu machen und die Dekarbonisierung der Automobilindustrie in ein grünes und profitables Geschäftsmodell zu verwandeln. Neben der Förderung stärker marktorientierter Ansätze zur Dekarbonisierung müsse auch der derzeitige Rechtsrahmen überarbeitet werden. Dies reicht von der Förderung erneuerbarer Energien und mehr Ladeinfrastruktur bis hin zu einer wirksamen CO2-Bepreisung und der Anpassung der derzeitigen strafbewehrten Vorschriften. In einer kritischen Phase des Wandels würde das Risiko, hohe Strafen für die Nichteinhaltung der CO2-Vorgaben zu zahlen, die notwendigen Mittel von Forschung und Entwicklung und anderen Investitionen abziehen.
Europas Wirtschaft befinde sich am Scheideweg und daher sei es umso wichtiger, den „richtigen Weg“ einzuschlagen, der ein Gleichgewicht zwischen regulatorischen Vorgaben und einem marktorientierten Geschäftsumfeld schafft. Dazu seien Reformen notwendig, Reformen, die in einem strategischen Dialog zwischen der Automobilindustrie und der Europäischen Kommission zeitnah diskutiert werden sollen. (ks)