Von Reichweite bis Laden: Fabian Seithel von Geotab erklärt, warum viele E-Auto-Bedenken Fuhrparks mehr kosten als nützen.
Viele Fuhrparks prüfen den Umstieg auf E-Fahrzeuge weiterhin vorsichtig. Doch einige Vorbehalte halten einer datenbasierten Betrachtung nicht immer stand. Fabian Seithel, AVP Sales & Business Development EMEA bei Geotab, räumt mit fünf verbreiteten E-Auto-Mythen auf.
Der Einfluss von Hitze und Kälte, wird laut Seithel häufig falsch eingeschätzt, wenn es um Reichweiten geht. Geotab-Daten zeigen demnach: Bei 21 Grad Celsius Außentemperatur erreichen E-Fahrzeuge im Schnitt sogar 115 Prozent ihrer Nennreichweite. Deutlich stärker wirkt sich extreme Kälte aus. Bei minus 15 Grad Celsius kann der Wert auf 54 Prozent sinken, ein Szenario, das für viele deutsche Flotten im Alltag allerdings nur begrenzt relevant ist.
Temperaturen beeinflussen die Reichweite, aber weniger über die Batterie selbst als über zusätzliche Verbraucher: Bei Hitze braucht die Klimaanlage Energie, bei Kälte die Heizung. Für den Fuhrparkbetrieb heißt das: Wer das Fahrzeug während der Ladezeit vorkonditioniert, kann die verfügbare Reichweite besser nutzen.
Eine schnelle Batteriealterung gilt in vielen Fuhrparks weiterhin als Risiko. Seithel verweist dagegen auf eine Analyse von mehr als 22.700 E-Fahrzeugen. So liegt die durchschnittliche jährliche Degradationsrate bei 2,3 Prozent. Nach fünf Jahren verfügen die Batterien im Schnitt noch über 88 Prozent ihrer ursprünglichen Kapazität.
Wichtig bleibt das Ladeverhalten. Fahrzeuge mit einem hohen Anteil an DC-Schnellladung über 100 kW würden höhere Degradationsraten aufweisen. Fuhrparkverantwortliche sollten daher darauf achten, Schnellladen nicht zum Standard zu machen. Bei planbaren Standzeiten kann Laden mit geringerer Leistung die sinnvollere Lösung sein.
Die Sorge vor zu wenig Reichweite beschäftigt Fuhrparks weiterhin. Seithel hält dagegen: Viele Einsatzprofile seien weniger kritisch als angenommen. In Deutschland fährt ein gewerblich genutztes Flottenfahrzeug im Schnitt 131 Kilometer pro Tag. 56 Prozent überschreiten demnach nie eine Tagesdistanz von 350 Kilometern.
Auch bei leichten Nutzfahrzeugen sei die Datenlage besser, als viele Fuhrparkverantwortliche vermuten. Laut Geotab Taking Charge-Studie liegen 67 Prozent der täglichen Fahrten innerhalb der Reichweite heutiger Elektrofahrzeuge. Grundlage sind Daten von rund 750.000 leichten Nutzfahrzeugen in sieben europäischen Ländern.
In der Praxis zeigt sich Seithel zufolge noch ein anderer Punkt: Viele Flotten laden sehr früh nach. 45 Prozent der europäischen Flotten starten Ladevorgänge bereits, bevor der Akkustand unter 50 Prozent fällt. Das kann die Wirtschaftlichkeit schwächen, weil E-Fahrzeuge ihr Einsparpotenzial vor allem bei konsequenter Nutzung ausspielen.
Beim Laden schauen viele zuerst auf das öffentliche Netz. Für depotbasierte Flotten greife das aber oft zu kurz. Viele Fahrzeuge müssen nicht unterwegs laden, sondern dort, wo sie ohnehin länger stehen. Die Fahr- und Ladedaten zeigen: 50 Prozent der Flotten-E-Fahrzeuge laden an nur einem oder zwei Standorten, häufig über Nacht im Depot und mit Standard-AC-Ladung.
Die eigentliche Frage würde deshalb lauten: Was leistet der eigene Standort? Seithel verweist auf Netzanschluss, Standzeiten und den täglichen Energiebedarf. Telematikdaten könnten zeigen, wann Fahrzeuge stehen, wie viel Energie sie benötigen und wo Lastspitzen entstehen. Daraus ließe sich ableiten, ob ein Netzausbau nötig ist oder ob Lastmanagement, stationäre Batteriespeicher oder Flexibilitätsprogramme ausreichen. Für größere Standorte könne das schneller umsetzbar sein als ein Netzausbau, der in Teilen Europas inzwischen Jahre dauern kann.
Auch bei den Kosten halten sich Vorbehalte. Seithel sieht deutliche Einsparpotenziale: Geeignete E-Fahrzeuge könnten in Deutschland über sieben Jahre hinweg rund 20.900 Euro sparen. Wie stark sich der Umstieg rechnet, hängt jedoch vom Einsatzprofil, den Energiekosten, der Ladeinfrastruktur und der tatsächlichen Auslastung ab.
Für Fuhrparks reiche deshalb kein pauschaler Vergleich zwischen Diesel und Elektrofahrzeug. Sinnvoller sei eine fahrzeuggenaue Eignungsanalyse: Welche Fahrzeuge können bereits heute ersetzt werden? Wo passt das Fahrprofil? Welche Ladeinfrastruktur wird wirklich benötigt? Wirtschaftlich würde der Umstieg vor allem dann sein, wenn geeignete E-Fahrzeuge konsequent genutzt werden.