Der Polestar 3 zeigt, dass Minimalismus nicht kraftlos sein muss. Wir haben das Oberklasse-SUV getestet.
Der Polestar 3 ist das erste vollelektrische SUV der Volvo-Tochter Polestar, das in Sachen Größe, Luxus und Design Akzente setzen will. Mit diesem Anspruch stößt der Newcomer in das Oberklasse-Segment vor, will dort mit dem Porsche Cayenne, dem BMW iX und dem Audi Q8 e-tron konkurrieren; und das designgetrieben mit skandinavischem Minimalismus. Die Oberfläche ist wichtig, sie ist das Einzige, was man sieht. Aber steckt hinter der Fassade auch Premium Anspruch in Sachen Performance? Wir haben uns das genauer angeschaut und den Polestar 3 getestet.
Polestar Designer Maximilian Missoni macht aus dem SUV ein Fashion-Statement. „Luxury is about how space feels!“ Und dieser Luxus prunkt und protzt nicht, Minimalismus ist das Credo. Minimalismus, ein langes Wort für nichts.
Der Polestar 3 besticht mit einer skandinavischen Linie ohne überflüssiges Dekor, wie ein puristisches Designerkleid. Außen präsentiert er sich wuchtig mit breiten Schultern und aufrechter Front, zugleich minimalistisch und ohne Schnörkel. Die Seitenlinien verlaufen straff nach hinten abfallend. Griffe sind in die Türen eingelassen, die niedrige Dachlinie sorgt im Profil für eine schlanke Silhouette. Auffälligkeit in Schlichtheit, das spiegelt auch das Innere wider. Das Cockpit wirkt unscheinbar, auf ein Minimum reduziert: ein vertikaler 14,5-Zoll-Touchscreen, ein Lenkrad mit horizontalem 9-Zoll-Fahrerdisplay, Voice-Control, kaum Hebel oder Knöpfe. Es ist das Nichts, was ins Auge fällt, während eine feine Lichtleiste den Blick entlang des schlichten Dekors leitet. Goldfarbene Gurte heben sich als Akzente vom Rest des Innenraums ab.
Der Home-Screen, gesteuert vom Android Automotive OS, besteht aus Google Maps und Widgets, die individuell konfiguriert werden können, sodass Fahrerinnen und Fahrer direkten Zugriff auf ihre liebsten Apps bekommen. Intuitiv und einfach nutzbar ist das System. Wer ein Smartphone besitzt, wird sich mit dem Infotainmentsystem nicht schwertun. Optisch trübt sich die Oberfläche hingegen schnell ein, Fingerabdrücke hinterlassen recht leicht ihre Spuren auf dem Bildschirm.
Technisch hingegen fährt der Polestar 3 groß vor. Zahlreiche Radare messen während der Fahrt Abstände und Geschwindigkeiten, überwachen tote Winkel, den Spurwechsel und querenden Verkehr. Zwölf Ultraschallsensoren in den Stoßfängern erkennen Hindernisse bis etwa vier Meter und bilden zusammen mit mehreren Außenkameras die Grundlage für die 360-Grad-Rundumsicht. Ein beeindruckendes Hightech-Setup.
Die Modebranche hat bereits erkannt, dass Nachhaltigkeit Luxus sein kann. Und Polestar nimmt sich dessen ebenfalls an. Eingekleidet ist unser Polestar 3 in recycelten Kunststoff, wiederverwertbares Aluminium sowie neuartige Textilien wie MicroTech mit Bio-Anteil Anwendung. Biobasiertes WeaveTech im Farbton Charcoal mit Tectonic Dekoreinsätzen rundet das Interieur ab. Luxus durch Nachhaltigkeit, niemand will mehr tote Tiere am Körper tragen. Wer das hingegen doch will, kann gegen einen Aufpreis von 5.042 Euro (alle Preise netto zzgl. USt.) Sitzbezüge aus Nappaleder mit Black-Ash-Dekoreinsätzen mitsamt belüfteter Massagesitze ordern.
Puristisches Design, Extravaganz im Sound: Polestar (ex-)CEO Thomas Ingenlath möchte, dass das Auto zum Rückzugsort für Musikliebhaber wird. Denn wo, wenn nicht dort könne man ungestört seine Lieblingsmusik genießen. Dafür holte sich die Volvo-Tochter Hilfe aus Großbritannien, wo schon das eine oder andere Designstatement gesetzt wurde.
Das Soundsystem in Zusammenarbeit mit Bowers & Wilkins bietet im Polestar 3 ein grandioses Sounderlebnis. 25 Lautsprecher zieren das Innere, ein Dolby Atmos 3D-Surround-Sound legt sich über Rückbank und Cockpit, umgarnt die Passagiere. Eine aktive Geräuschunterdrückung von Fahrt- und Straßenlärm soll den Eindruck noch intensivieren. Die Fahrt wird zur Show, der Blick durch das Panorama-Glasdach aus schallminderndem Verbundglas eröffnet weitere Dimensionen, lädt zum Träumen ein; Sinnlichkeit wird zelebriert.
Träume haben allerdings ihren Preis: Das Audiosystem von Bowers&Wilkins ist nur gegen Aufpreis von 5.042 Euro im Plus-Paket zu haben, das wiederum nur mit Pilot-Paket gegen 2.352 Euro zu haben ist. Dafür gibt es dann aber auch ein Head-Up-Display.
Für den Polestar 3 zahlt man einen Premiumpreis, dafür bekommen Sie aber auch Premiumkomfort. Dank langem Radstand von fast 3 Metern gleitet das 4,90 Meter lange SUV grazil über die gerade Strecke und bietet zugleich reichlich Bequemlichkeit. Zwar gehört er mit einem solchen Radstand nicht zu den wendigsten Autos, dafür kommt er den Insassen, vorne wie hinten, zugute. Zudem ist die Rückbank nach hinten versetz, wodurch Passagiere noch mehr Beinfreiheit bekommen. Auch die Kopffreiheit ist einwandfrei, die leicht coupéhafte Abflachung des Dachs ändert daran nichts. Trotz Größe ist die Anzahl der Reisekoffer durch einen 484 Liter fassenden Kofferraum allerdings beschränkt. Dank Frunk ist aber noch Platz für eine weitere Handtasche.
Je höher der Preis, desto stärker der Antrieb und desto kleiner die Reichweite, zumindest beim Polestar 3. Unsere Performance-Variante mit 111-kWh-Akku, Allradantrieb und 517 PS bringt maximal 561 Kilometer hervor, die kleinste der wählbaren Reichweiten, die aber noch rasanter abnimmt, sollte die Autobahn Fahrspaß erzwingen oder sollten kalte Temperaturen dem Schweden zusetzen. In 4,7 Sekunden schießt er von 0 auf 100 gen Norden, lässt sein Antlitz von hinten bestaunen, Schluss ist allerdings schon bei 210km/h, da wird er abgeregelt. Autobahnfahrten gelingen entspannt, dank Geräuschunterdrückung dringt der Fahrtwind auch erst ab höheren Geschwindigkeiten deutlicher ins Wageninnere. Wechselt man außerdem vom Fahrmodus Comfort in den Sportmodus, wandelt sich die adaptive Luftfederung von weich zu fest, was dazu führt, dass Unebenheiten aufgrund der mächtigen 22-Zoll-Räder deutlicher wahrnehmbar sind. Mit über 2,5 Tonnen lässt sich der Polestar 3 insgesamt präzise manövrieren, agil wirkt er gar. Seine Masse wird allerdings in engen Kurven deutlich. Insgesamt findet das Fahrwerk aber eine gelungene Mitte zwischen Komfort- und Handling.
Die erste Strecke fuhren wir über Dörfer und Landstraßen. Wir fuhren 82 Kilometer und brauchten dafür 1:53 h, bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 43 km/h. Der durchschnittliche Verbrauch lag bei 17,8kWh/100km.
Die zweite Strecke führte uns 57 Kilometer lang über die Autobahn. Nach 1:11h und mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 48 km/h kamen wir auf einen Verbrauch von 24,8kWh/100km.
Die dritte Strecke war insgesamt 47 Kilometer lang. Insgesamt brauchten wir für sie eine Stunde, bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 46 km/h. Am Ende verbrauchten wir 20,6kWh/100km.
Innen wie außen besticht das SUV durch kühle, einfache Ästhetik, die sich durch klare Linien, hochwertige Materialien und Reduktion auf das Wesentliche konzentriert. Der Polestar setzt Designakzente, protzt nicht, zelebriert den Minimalismus eines Helmut Lang. Trotz seines puristischen Auftritts legt der Polestar 3 auf der Straße ein sportliches Tempo vor. 517 PS drängen den 2,6-Tonner voran, die adaptive Luftfederung spannt sich im Sport-Modus so straff, dass Kurvenfahrten eher Coupé als Crossover wirken. Gelungen ist der Spagat zwischen reduziertem Innenraum, Funktionalität und digitaler (Sprach)Steuerung, wobei sich mancher wohl mehr Accessoires wie Knöpfe und Regler wünschen wird.
Wer gern anders sein will, wer auffallen will und die Oberklasse abseits der Ingolstädter oder Bayern sucht, der findet im Polestar 3 vielleicht ein alternatives Fahrzeug, das Luxus und Performance auf andere Weise zelebriert.
Das SUV Polestar 3 ist in drei Varianten erhältlich:
Pakete und Zusatzausstattungen sind erst gegen Aufpreis erhältlich und können im Polestar 3 Konfigurator eingesehen werden.


