Noch ein Chinese. Mit dem B10 bringt die Elektromarke Leapmotor aus dem Stellantis-Konzern ein erschwingliches C-SUV ans Netz, das für Furore sorgen könnte.
Gegensätze ziehen sich ja bekanntlich an. Nicht anders ist es zu interpretieren, dass Leapmotor sein Günstig-SUV B10 ausgerechnet im mondänen Nizza präsentiert. Wo rund um die sündhaft teure Promenade des Anglais, vom Geldadel gönnerhaft nur kurz „La Prom“ genannt, sonst nur Nobelyachten dümpeln und Luxusschlitten gelangweilt auf und ab cruisen, mischt sich ganz unverblümt ein recht manierlich aussehender Billigheimer unters wohlhabende Volk. Selbst an der weltberühmten Croisette, quasi Cannes Fifth Avenue, bringt der neuste China-Stromer den einen oder anderen Edelkarossen-Chauffeur auf Spannung.
Aber der Reihe nach. Das E-Auto-Start-up Leapmotor wurde 2015 in der chinesischen 13-Millionen-Metropole Hangzhou (Provinz Zhejiang) gegründet. Seit mittlerweile sieben Jahren wächst das globale Verkaufsvolumen kontinuierlich von 1.037 (2019) auf inzwischen 418.730 Einheiten (Stand September 2025) an. Bereits nach neun Monaten dieses Jahres konnte zudem das Ergebnis aus 2024 (293.724 Fahrzeuge) spürbar erhöht werden. Tendenz? Weiter deutlich steigend! Auch hierzulande biegt die in Deutschland noch relativ exotische chinesische Elektromarke aus dem Hause Stellantis eigenen Angaben zufolge gerade auf die Überholspur ab. „Wir haben im bisherigen Jahresverlauf bis Ende September laut KBA gut 4.440 Autos in Deutschland auf die Straße gebracht, einen Großteil davon in den letzten drei Monaten. Für den Oktober haben wir uns erstmals vorgenommen, die monatliche Zulassungsleistung auf rund 1.000 Zulassungen zu steigern“, sagt Leapmotor-Deutschland Chef Martin Resch.


Das könnte durchaus gelingen. Ist doch der B10 nicht nur vergleichsweise bezahlbar, sondern bietet im hartumkämpften C-Segment auch einige weitere Eigenschaften, die sowohl bei privaten als auch gewerblichen Nutzern fruchten könnten. Resch: „Unser Anteil an Gewerbekunden liegt aktuell bei etwas über 20 Prozent. Hier sehen wir noch deutlich mehr Potenzial für die Zukunft.“ Dem Vernehmen werden mehr als 30 Prozent bei Flotte und Co. angestrebt – für eine chinesische Elektromarke eine wahrlich ambitionierte Zielgröße. Im Fokus seien vor allem gewerbliche Einzelkunden sowie kleine und mittlere Fuhrparks (KMU), die speziell Kostenkontrolle und Nachhaltigkeit im Blick halten müssen. Es kämen aber auch städtische Fuhrparks (Verwaltungen, Energieversorger), klassische Handwerksbetriebe, Außendienstler mit Ladeinfrastruktur sowie Sharing- und Poolfahrzeuge dank robuster LFP-Technik und OTA-Fähigkeit infrage.
Über allem steht indes das sehr gute Preis-Leistungs-Verhältnis. Die Liste geht bei 25.126 Euro (alle Preise netto zzgl. USt.) los. Dafür gibt’s die kleine Batterie mit 56,2 kWh für bis zu 361 Kilometer Reichweite (WLTP) und eine recht üppige Serienausstattung. So sind unter anderem bereits Panorama-Glasdach, 18-Zoll-Felgen, ADAS-Komplettpaket, Wärmepumpe und Wireless Charging ab Werk an Bord. Die beiden höherwertigen Varianten „Life Pro Max“ (ab 27.227 Euro) und „Design Pro Max“ (ab 28.487 Euro) verfügen über einen Akku mit 67,1 kWh und bis zu 434 Kilometer WLTP-Reichweite. Darüber hinaus fährt das Topmodell mit Premium-Synthetikleder, Ambientebeleuchtung, beheizbarem Lenkrad, klimatisierten Sitzen sowie einem 12-Lautsprecher-Soundsystem vor. Zusätzliche Argumente dürfte auch die attraktive Leasingrate von ca. 218 Euro (ohne Sonderzahlung, 48 Monate, 10.000 km/Jahr) als auch die Gesamtkostenrechnung (TCO) liefern, die im Vergleich zum Wettbewerb unterhalb der üblichen Range liegt. Versicherungstechnisch ist der B10 ebenfalls gut positioniert.
Das technologische Zentrum des B10 ist die neue Leap-3.5-Architektur – eine Plattform, die Software, Hardware und Antrieb vereint. Der Einsatz des Snapdragon-8155-Chipsatzes und eines der weltweit kompaktesten Domänensteuerungssysteme zeigt, dass Leapmotor den Anspruch erhebt, Technik zugänglich zu machen, statt elitär zu inszenieren. Android Auto, Apple CarPlay und eine intuitive App-Steuerung sollen digital affine Zielgruppen ansprechen, bei denen Konnektivität nicht als Feature, sondern als nahtlose Alltagserfahrung funktioniert.
Der Antrieb ist nicht spektakulär, reicht jedoch vollkommen aus. Der E-Motor mit 218 PS und 240 Nm Drehmoment ist agil genug für den Sprint auf 100 km/h in acht Sekunden und schafft effizient 170 km/h Spitze. Mit 11 kW AC- und bis zu 168 kW DC-Ladeleistung lässt sich der Energiespeicher von 30 auf 80 Prozent laut Hersteller in rund 20 Minuten auffrischen. Der Verbrauch lag bei unseren jeweils mehr als zweistündigen Testfahrten zwischen 16 und 17 kW und damit im Bereich der WLTP-Angaben. Für Sicherheit sollen 17 aktive elektronische Helferlein sorgen, darunter Spurhalte-, Müdigkeits- und Querverkehrswarner, die von einer 360-Grad-Kamera und einem hochfesten Sicherheitschassis ergänzt werden.
Handling und Fahrwerksabstimmung sind ok, wobei die Lenkung zuweilen etwas zu schwammig war. Das Fahrverhalten wirkte eher unaufdringlich und zurückgenommen, aber dynamisch genug für den Überholvorgang auf Landstraße. In der Stadt sammelte der B10 Pluspunkte dank seiner Gewandtheit und einem vorzüglichen Wendekreis von nur 10,72 Metern. In der Gesamtschau könnte der B10 tatsächlich so etwas wie einen Wendepunkt in der Demokratisierung der E-Mobilität markieren – gemäß seinem Claim: „Einfach mehr Auto“.

