E-Mobilität, Fahrverbote und Dieselnachrüstungen: ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer diskutiert auf dem bfp Fuhrpark-Forum Themen, die derzeit das Handwerk bewegen.
Hans Peter Wollseifer ist Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH)
Mit Einführung der Umweltzonen haben viele Handwerksbetriebe den eigenen Fuhrpark erst erneuert. Weitere Reglementierungen könnten die Einsatzmöglichkeiten jedoch erneut einschränken. Was raten Sie Ihren Kollegen in der jetzigen Situation?
Hans-Peter Wollseifer: Fahrverbote sind insbesondere für Betriebe bitter, die gerade erst ihren Fuhrpark auf Euro 5 modernisiert haben – und das auf Veranlassung der Umweltpolitik! Die teils bis September 2016 erstzugelassen Euro 5 Nutzfahrzeuge sind eigentlich auf eine lange Nutzungsdauer ausgelegt, die durch Fahrverbote natürlich konterkariert würde.
Für größere Betriebe, die sowohl Kunden in einer Stadt, in der Fahrverbote gelten, als auch auf dem Land haben, besteht die Möglichkeit zu disponieren und die älteren Fahrzeuge für Termine außerhalb der Verbotszonen zu nutzen. Kleinere Betriebe und Unternehmen, die ihren Standort direkt in Fahrverbotszonen haben, können das nicht.
Abzuwarten bleibt auch der Umfang der Verbote – in Hamburg sind zwei Straßen betroffen, die es zu meiden gilt. Und bisher gibt es in Hamburg und der Verbotszone in Stuttgart auch Ausnahmen für das Handwerk. Darauf kann sich manches Unternehmen zunächst einstellen – aber eine langfristige Sicherheit ist das nicht.
Ansonsten gilt nachzurechnen: Welchen Restwert hat mein Euro-5-Diesel noch? Lohnt sich eine Hardware-Nachrüstung? Ist sie technisch für das Modell möglich? Falls ja, werden viele Handwerker Interesse an der Nachrüstung haben und sie auch proaktiv nutzen, um zu verhindern, dass sie Fahrverbote in den Städten betreffen.
Oder Betriebe nutzen eine Umtauschprämie und schaffen sich zeitnah ein Euro-6-Fahrzeug an. Allerdings beschränken die Fahrzeughersteller ihre Umtauschprämien leider teils auf Pkw.
Fahrverbote in deutschen Städten für Diesel werden immer wahrscheinlicher. Bisher konnten die Handwerksorganisationen Ausnahmeregelungen für ihre Betriebe erreichen. Doch diese Ausnahmen sind individuelle Lösungen und verunsichern die Betriebe. Welche Verkehrspolitik fordern Sie im Sinne des Handwerks?
Wollseifer: Positiv zu bewerten ist die Änderung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes, die jüngst durch Bundestag und Bundesrat gegangen ist. Damit gibt es nun Planungssicherheit für Neuanschaffungen von Euro 6 Dieseln, denn diese werden zukünftig auch im schlimmsten Fall nicht mehr von Fahrverboten betroffen sein.
Die Diskussion über mögliche Verbote für neue Euro 6 war verheerend, da sie Neuanschaffungen blockierte. Nach der Änderung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes ist nun damit zu rechnen, dass endlich die Fuhrparkerneuerung beschleunigt in Gang kommt - mit den dann positiven Wirkungen auf die Luftreinhaltung.
Von Fahrverboten befreit sind nun auch die älteren Diesel-Fahrzeuge, die mit einem Stickstoff-Minderungssystem gemäß den neuen Richtlinien nachgerüstet sind. Hier hoffen wir, dass diese Nachrüstung in den Werkstätten in einigen Monaten beginnen kann.
Derzeit gibt es leider noch keine Stickstoff-Minderungssysteme für Nutzfahrzeuge, die vom Kraftfahrzeugbundesamt zugelassen sind. Bis diese Nachrüstsets vorliegen, werden die meisten Unternehmen noch zögern, die seit Anfang des Jahres bestehenden Fördermechanismen des Bundes in Anspruch zu nehmen: Das gilt umso mehr, als derzeit noch niemand die konkreten Kosten und damit die Höhe der Eigenbeteiligung kennt und auch nicht feststeht, für welche Modelle es Nachrüstungen geben wird.
Hinzu kommt, dass sich der Förderantrag zudem noch sehr bürokratisch ist. Und schon Ende Mai soll der Förderhöchstsatz gesenkt werden - lange bevor die Serieneinführung der NOx-Minderungssysteme einsetzt. Hier muss die Bundesregierung noch nacharbeiten, um eine einfache und für Handwerker praktikable Lösung zu schaffen.
Aus Sicht des Handwerks müssen die noch fehlenden Fördermöglichkeiten für sehr leichte Nutzfahrzeuge unter 2,8 Tonnen und für sehr schwere Fahrzeuge über 7,5 Tonnen entsprechend ergänzt werden, damit die Nachrüstung ein Erfolg wird.
Trotz Änderung des BImschG und der bevorstehenden Nachrüstung müssen sich die Städte weiterhin anstrengen, die Mobilität sowohl umweltfreundlicher als auch effizienter zu organisieren. Nur dann werden wir wirklich einen Großteil der drohenden Fahrverbote abwenden können. Das Handwerk steht gerne als kompetenter Partner für die Umsetzung moderner Verkehrspolitiken bereit.
E-Mobilität ist in aller Munde und das vermeintliche Allheilmittel für den Verkehr der Zukunft. Wie ist Ihre Einschätzung hierzu?
Wollseifer: Der Markt für Elektronutzfahrzeuge wächst zwar, doch dies sehr langsam. Aktuell ist der Markt noch sehr überschaubar, das Angebot ist sogar noch dünner im Bereich der sehr schweren Nutzfahrzeuge, bei denen die für Handwerker so wichtige Zuladung in Richtung einer Tonne geht.
Leistungsfähige und multifunktionale Fahrzeuge sind für viele Betriebe unerlässlich, denn ein Handwerksfahrzeug muss gegebenenfalls noch eine Leiter auf dem Dach transportieren, oder es muss die Zuglastfähigkeit für einen Anhänger haben. Hier muss sich der Markt noch weiter entwickeln.
Elektro-Mobilität wird in Zukunft sicherlich eine größere Rolle spielen. Darauf stellen sich auch die Hersteller ein, indem sie erschwingliche Autos auf den Markt bringen, die zunehmend auch den Bedürfnissen des Handwerks gerecht werden.
Erste Einsatzbereiche werden sicher vor allem bei den Lebensmittelhandwerken zu finden sein, die genau kalkulierbare Touren zu ihren Filialen haben. Bei serviceorientierten Branchen mit wenig Zuladung und kurzen Strecken zu den Kunden ist das schon jetzt möglich. Im Bauhauptgewerbe wird das aber noch längere Zeit brauchen.
Ein Diesel-Nutzfahrzeug für knapp 40.000 Euro oder ein E-Transporter für 70.000 Euro – die Preisdifferenz ist aktuell riesig, Transporter mit E-Antrieb sind quasi noch nicht serienreif. Was fordern Sie hier von der Automobilbranche?
Wollseifer: Bei einigen leichten Nutzfahrzeugen sind die Preisdifferenzen geringer, zudem mildern Förderprogramme wie die Umweltprämie diese Differenz zumindest für leichtere Fahrzeuge. Einige Länder ergänzen das mit vorbildlichen Förderprogrammen für gewerbliche Elektromobilität.
Aber auch die Automobilbauer müssen hier verstärkt aktiv werden und die Preisdifferenzen zum konventionellen Antrieb weiter senken, um eine breite Anwendung zu sichern. Und daran sei erinnert: Jedes verkaufte E-Mobil ist für die Autohersteller enorm wichtig, um die zukünftigen CO2-Flottengrenzwerte einzuhalten. (Red./cr)