Revolution oder Risiko? Lexus hat seinen RZ auf Steer-by-Wire umgerüstet. Wir haben die neue Lenkung ausprobiert. Ein Fahrtest zwischen Vision und Wirklichkeit.
Ist das die Zukunft? Die Autoindustrie könnte vor einem Paradigmenwechsel stehen. Der Grund: Lexus führt mit dem überarbeiteten RZ erstmals ein vollständig elektronisches Steer-by-Wire-System ein, das ohne mechanische Verbindung zwischen Lenkrad und Rädern auskommt. Diese bahnbrechende Technologie verspricht präzisere, spürbar geschmeidigere Lenkbewegungen und markiert den Übergang von der traditionellen hydraulischen zur software-gesteuerten Lenkung.
Einsteigen und staunen, denn der neue Lexus RZ 550e F Sport markiert einen elektrisierenden Schritt in die Zukunft des Fahrens – und das spürt man schon, bevor man ihn startet. Denn dort, wo traditionell ein rundes Lenkrad sitzt, präsentiert Toyotas Nobeltochter serienmäßig eine Art Steuerknüppel, das sogenannte Yoke-Lenkrad! Es ist eine kühne, futuristisch anmutende neue Fahrzeugsteuerung, die zusammen mit dem Steer-by-Wire-System schon beim ersten Kontakt signalisiert, dass hier ein neues Kapitel aufgeschlagen wird.
Im Alltag fühlt sich das Yoke-Lenkrad zunächst ungewohnt an, fast wie das Cockpit eines Flugzeugs. Der obere und untere Bereich des klassischen Lenkradkranzes fehlt, stattdessen greift der Fahrer links und rechts an geschwungenen Griffe, die trotz der Kompaktheit angenehm in der Hand liegen. Und: Die Bedienung ist intuitiver als geglaubt. Schon nach wenigen Minuten fährt sich der RZ fast wie von selbst, Überraschung und Neugier weichen schnell dem Gefühl, Teil einer technischen Revolution zu sein. Zentral dabei: Die Lenkung sendet die Bewegungen nicht mechanisch, sondern rein elektronisch an die Vorderräder. Wer meint, das würde sich künstlich anfühlen, wird überrascht: Lexus hat viel Feingefühl investiert, um dem Fahrer Rückmeldung und Kontrolle zu geben, ohne störende Vibrationen z. B. Straßenunebenheiten zu übertragen.
Das fortschrittliche Lenksystem erkennt das Tempo und passt die Lenkübersetzung in Echtzeit an. Im Stadtverkehr oder bei engen Kurven genügt schon eine leichte Bewegung, um den gewünschten Radius zu erreichen – volles Einschlagen erfordert nicht mehr mühsames Hand-über-Hand, sondern nur noch eine kompakte 200-Grad-Drehung. Diese Direktheit ermöglicht sehr schnelles und präzises Umsetzen von Fahrbefehlen und macht vor allem das Rangieren und Parken ungewöhnlich leicht und komfortabel. Wer sein erstes Wendemanöver absolviert hat, wird das breite Grinsen kaum unterdrücken können.
Besonders spürbar ist der Charakter des Steer-by-Wire-Systems auf der Landstraße. Das Einlenken gelingt federleicht, die Fokussierung auf den Straßenverlauf verstärkt sich durchs offene Sichtfeld, das das Yoke-Lenkrad gewährt. Es entsteht der Eindruck, nahezu nahtlos mit dem Fahrzeug verbunden zu sein – ein Gefühl, das in der Welt der Stromer bisher selten erreicht wurde. Äußerst geschmeidig kommt auch das Zusammenspiel mit dem serienmäßigen Allradantrieb zum Tragen. Die Kombination aus sofortiger Kraftverteilung und blitzschnellen Lenkbefehlen sorgt für eine sehr hohe Fahrdynamik, ohne dass dabei das Gefühl von Sicherheit und Kontrolle verloren geht.
Wie steht es aber um die Alltagstauglichkeit des Systems und welche Herausforderungen bringt es mit sich? Wer gern klassisch umgreift oder die Hände beim Kurvenfahren auf 12 oder 6 Uhr ablegt, muss sich umgewöhnen. Gerade anfangs kann der fehlende obere Lenkradbogen irritieren, beispielsweise beim Ausparken in engen Parkhäusern. Auch wenn Lexus die Bedienbarkeit auf höchstem Niveau perfektioniert hat, bleibt die Yoke-Lösung Geschmackssache. Sie ist zwar mutig und visionär, gleichwohl nicht unbedingt für Traditionalisten gedacht.
Dafür überzeugt das System mit seiner Ergonomie und Übersichtlichkeit. Mehr Platz für die Knie, ein nahezu freier Blick aufs Cockpit – der Raum vor dem Fahrer wirkt wie weggeblasen, die Bedienung der Lenkstockschalter ist logisch und reduziert. Untermalt wird das Erlebnis von der gewohnt hochwertigen Verarbeitung im Innenraum mit neuen Alcantara-Türverkleidungen, der sportsitzartigen Bestuhlung und der Ambientebeleuchtung, die den Charakter des RZ-Topmodells nochmals unterstreichen. Kein Wunder also, dass Lexus bei Flotte und Fuhrpark insbesondere Premium-Geschäftskunden, klassischerweise auch Einzelkaufleute, wie z.B. Anwälte, Ärzte und Architekten, im Visier hat.
Von insgesamt vier Ausstattungslinien ist die Version 550e F Sport erstmals erhältlich und bildet die neue sportliche Speerspitze ab. Mit satten 408 PS unter der filigranen Haube erreicht das noble Stromer-SUV aus dem Stand bereits nach nur 4,4 Sekunden Tempo 100. Bei abgeregelten 180 km/h Spitze ist Schluss. Die Beschleunigung fühlt sich direkt und souverän an – aber das außergewöhnliche Fahrerlebnis liefert vor allem die Kombination aus Steer-by-Wire und Yoke-Lenkrad. Ladezeiten sind durch die neue 77-kWh-Batterie deutlich verkürzt und die Reichweite markiert mit bis zu 450 Kilometern (WLTP vorläufig) neue Bestwerte in der Lexus-Elektrowelt.
Fazit: Wer Wert auf ein intensives, modernes und sportliches Fahrgefühl legt sowie offen für innovative Technik ist, findet im Lexus RZ 550e F Sport ein überzeugendes Argument für den Wechsel in die elektrische Premiumklasse – und entdeckt vielleicht schon heute, wie das Autofahren von morgen aussehen wird. Bestellbeginn soll noch im Oktober, Marktstart im 1. Quartal 2026 sein. Preise und Verbrauchsdaten hat Lexus noch nicht kommuniziert.


